fbpx

Grillen im Ohr – Ina fährt nach Lichtenberg

 In Gehirn, Gesang, Körperarbeit, Methodik, Richtig Reden, Singen, Sprachentwicklung, Stimme allgemein, Stimmhygiene, Stimmpflege

Freitagmorgen, 7:12 Uhr

Ich steige in mein eisiges Auto, Kaffee im Thermobecher und Frühstücksbrot in der Tupperdose auf dem Beifahrersitz. „Fischbachtal“ gebe ich ins Navi ein, Fahrtzeit drei Stunden. Hoffentlich komme ich nicht in irgendwelche Berufsverkehrstaus. Frierend schiebe ich mein Hörbuch in den CD-Player und starte den Motor.

Warum ich mir das antue?

Um 11 Uhr an diesem Morgen beginnt das Einführungsseminar der „Lichtenberger Methode“ in Lichtenberg. Ein Ansatz in der Stimmbildung, der mir nach meiner sehr lästigen Stimmstörung (eine Unterfunktion nach Überbelastung – Erklärung gern per Mail, jedenfalls bekam ich Logopädie verschrieben) innerhalb eines dreiviertel Jahres nicht nur half, zu meiner ursprünglichen Form zurück zu finden, sondern mir darüber hinaus ein bisher unentdecktes Potential meiner Stimme (und meiner Methodik im Gesangsunterricht) zur Verfügung stellte.
Vieles von dem, was ich lernte und übte, testete ich auch direkt im Unterricht mit meinen Schülern aus – mit zum Teil genauso durchschlagenden Erfolgen und Aha-Erlebnissen wie bei mir selbst.
Nach ungefähr der Hälfte der verschriebenen Therapiestunden war ich so angefixt von den unkonventionellen Übungen, Fragestellungen und Resultaten, dass ich mich zum nächsten zeitlich passenden Einführungsseminar anmeldete.

Freitagmorgen, 10:26 Uhr

Und ich habe Glück: Nach drei Stunden ohne Stau auf freien Autobahnen kurve ich noch zehn Minuten durch den Odenwald, braun-grau vom Restwinter, bis ich im winzigen Dörfchen Lichtenberg-Fischbachtal ankomme. Rechtwinklige Kurven, Fachwerkhäuser in grün und hellblau, Schindelverkleidungen und ein tiefrot gefliester Metzgerladen, dessen Schild aus den späten Siebzigern stammt. Und natürlich auf dem höchsten Punkt, alles überblickend: Das Schloß Lichtenberg, ein weiß-rosa Renaissancebau aus dem 16. Jahrhundert.

Ich parke auf einem Kiesplatz gegenüber des Instituts und finde das Sekretariat für den Check-In. Ich bekomme mein Zimmer zugewiesen und trage mich für´s Abendessen ein, dann stapfe ich in den zweiten Stock, um mein Zimmer zu beziehen. Hinter einer uralten Brettertür mit riesigem Schlüssel öffnet sich eine kleine Kammer mit Holzfußboden, einem Einzelbett, einem Schreibtisch mit Stuhl, einem Wandschrank und einem Rattansessel an der Balkontür.
Und meine Zimmertür soll nicht die einzige Tür sein, die ich an diesem Wochenende öffne – symbolisch gesehen!

 

 

Wie funktioniert denn jetzt alles?

Freitagmorgen, 11 Uhr

Zu meiner Überraschung haben sich ungefähr 30 TeilnehmerInnen unterschiedlichsten Hintergrunds zu diesem Seminar angemeldet – Logopädinnen und Laiensänger, Berufssprecher, Instrumentalisten sowie professionelle SängerInnen und Gesangslehrer – alle gespannt und neugierig auf neue Impulse, ein bisschen Selbsterfahrung der eigenen Stimme und frischen Wind für die eigene Unterrichts- und Therapiepraxis. Wir stellen uns alle vor, und dann gibt es erstmal eine volle Dröhnung Theorie: Der Kehlkopf in all seinen Einzelteilen und Funktionen wird anatomisch, physiologisch, evolutionstheoretisch und in seiner Wechselwirkung mit Zivilisation und Gesellschaft durchleuchtet.
Alles andere als trocken, übrigens: Die Zusammenhänge in dieser Tragweite, aus so vielen Blickwinkeln erläutert zu bekommen finde ich superspannend und einleuchtend, und schon in diesen ersten Stunden fangen die Groschen an zu fallen.

Besonders interessant an diesem Vormittag, und für uns alle relevant: Die paradoxe menschliche Kommunikation. Bevor wir sprechen lernten, verständigten wir uns präverbal, durch reine Lautäußerungen wie Lachen, Weinen, Aua-Schreie. Das gilt sowohl für den prähistorischen Menschen als auch für die Sprachentwicklung des Kindes. Zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung ist die Stimme noch nicht kompromittiert, doch sobald wir Worte dazu nutzen, Sachverhalte darzustellen, beherrschen sie die Kommunikation. Wir sagen, dass es uns gut geht, obwohl es nicht stimmt, wir sind „freundlich“, obwohl wir das Gegenüber nicht mögen oder ihm nicht vertrauen. Dieses Paradoxon lässt Stress entstehen, der sich in muskulären Verspannungen, Abwehrmechanismen auswirkt, die wiederum Störfelder für die Phonation und das Resonanzverhalten bilden. Je nachdem wie viele dieser Abwehrmuster wir in unserem Leben erlernen (müssen), wird die natürliche Stimmfunktion mehr oder weniger überlagert und beeinträchtigt. Und kürzer oder länger dauert der Prozess des Befreiens und Umprogrammierens.

Das Verbinden und Vernetzen so unterschiedlicher Fachgebiete wie Entwicklungsgeschichte, Akustik, Physik, Anatomie und Physiologie, Psychologie, Anthropologie und nicht zuletzt Pädagogik und Didaktik, die sich selbstverständlich bei dem einen Punkt „Stimmfunktion“ treffen, alle gleichermaßen wichtig, voneinander abhängend, einander beeinflussend: Das tut das Lichtenberger Institut seit mittlerweile 35 Jahren. 1980 aus einem Forschungsprojekt der TU Darmstadt zu Musikergesundheit entstanden, findet das Institut in Lichtenberg den Raum, die Forschungsergebnisse in die Praxis umzusetzen und immer weiter neue Ansätze in der Gesangs- und Instrumentalpädagogik zu entwickeln.

 

Vom TUN zum SEIN

Freitagnachmittag, 15 Uhr

Der Grundsatz der Lichtenberger Methode ist der der „motorischen Ruhe bei sensorischer Wachheit“ – eine Abkehr vom „Tun“ zum „Sein“ und vom „Machen“ zum „Wahrnehmen“.

Der Übende erforscht die eigenen inneren Räume mit seiner Wahrnehmung – wobei die tatsächlichen anatomischen Proportionen hinter den Raumempfindungen zurückstehen. Das in-sich-Hineinhorchen, das sich-selbst-Zuhören und Spüren – können wir das? Können wir den Körper machen lassen, ohne automatisch einzugreifen? Nicht so einfach, merke nicht nur ich in der Praxis-Einheit.
Zu tief sitzen die Gewohnheiten aus der bisherigen Übepraxis, als dass wir unserer Stimme Selbstregulation zutrauen würden. Aber unser Dozent schafft es bei jedem einzelnen von uns, deutlich hörbare Veränderungen in der Klangqualität und vor allem der Wahrnehmung der eigenen Stimme herauszuarbeiten. Beim Zuhören bei den eher monotonen „u-o-u“s und „a-o-a“s wird auch das Hören immer feiner, immer aufmerksamer. Kleinste Veränderungen in der Klangfarbe, in Lautstärke oder Brillanz entgehen uns auf einmal nicht mehr. Sehr beeindruckend!

 

Die akustische Macht der Moskitos nutzen

Freitagabend, 18.30 Uhr

Obwohl wir alle fast voll mit Eindrücken sind, gibt es vor dem Abendessen noch eine kurze praktische Einheit zur Akustik – ein Bereich, mit dem ich weder in meinem Gesangsstudium noch in irgendeiner anderen Fortbildung bisher so spezifisch in Berührung gekommen bin. Wenn überhaupt, ging es um Raumakustik oder Bühnentechnik/Monitoring. Aber dass unser Hörorgan, das unserem Stimmapparat erstens räumlich sehr nah ist und zweitens das Sinnesorgan, mit dem wir ständig checken, ob das was wir von uns geben, auch „okay“ ist, dass dieses Gehör einen wesentlicheren Teil eines gesunden und angenehmen Stimmklangs ausmacht, war bisher nicht in meinem Bewusstsein gelandet. Wieder so ein Zusammenhang, der logischer nicht sein kann, aber in einer „normalen“ Didaktik und Methodik einfach übersehen oder übergangen wird!

Es werden also „nervige“ Frequenzen demonstriert. Martin Handzettel, Institutsleiter und Violinist, gibt auf seiner Geige erst eine kurze praktische Anleitung zum Obertöne hören (Klappt! Cool!) und pickt sich dann die Lieblingsfrequenzen unseres Ohrs heraus.

Genauso wie es in jeder Dusche einen bestimmten Ton (Frequenz) gibt, der viel lauter klingt als alle anderen, gibt es solche sogenannten „Impedanzminima“ auch im Ohr, und zwar dieselben in jedem Menschen: 3000 Hertz im Gehörgang, 5000 Hertz und 8000 Hertz im Mittelohr.

Und obwohl diese Frequenzen sehr durchdringend sind und sofort unsere Aufmerksamkeit fordern, sind sie nicht ganz unangenehm. Das Ohr kribbelt, auch nachdem der Ton verklungen ist, und ich fühle meine Innenohrmuskulatur kontrahieren. Die 5000 Hertz scheinen gar nicht von der Geige zu kommen, sondern finden überall im Raum und auch direkt in meinem Kopf statt.

Auch die 8000 Hertz kann ich noch hören – sehr hoch und sehr fein.

Der Gegentest mit 4000 Hertz beweist: Es kommt nicht auf die Höhe an! Denn obwohl der Ton niedriger ist als die durchdringenden 5000 Hertz, klingt er unangenehm und schrill.
Eine eindrucksvolle letzte Demonstration für diesen Tag!

Fazit ansonsten bis hier: Toller fachlicher Input, interessante, nette Menschen, leckeres Essen und schöne Räumlichkeiten! Alles toll also! 🙂

Blinde Flecken eliminieren

Samstagmorgen, 9 Uhr

Nach einem geselligen Abend und relativ frühem Schlafengehen setzen wir das Thema fort: Anatomie und Physiologie des Gehörs sind an der Reihe. Ich habe nicht von Bienen oder Insekten geträumt, obwohl das nach dem intensiven Hören der hohen Frequenzen (die auch von Grillen und Bienenköniginnen produziert werden!) durchaus möglich ist, sagt Martin Landzettel. Die Evolution des Gehörs und der Zusammenhang des muskulären Gewebes von Innenohr und Stimmapparat wird erklärt. Wieder ein blinder Fleck, der jetzt keiner mehr ist. Je angenehm stimulierender die Frequenzen sind, die in unserem Ohr landen (besonders die obengenannten Lieblingsfrequenzen), desto entspannter kann unser Kehlkopf agieren, desto mehr der hohen Frequenzen werden von der Schleimhaut auf den Stimmlippen gebildet, desto mehr angenehme Resonanz entsteht, usw. Ein sehr gesunder Kreislauf!

Samstagmorgen, 10 Uhr

Das probieren wir auch direkt praktisch aus: Das Hören und Verstärken der hohen Frequenzen dominiert den Praxisteil – mit wiederum erstaunlichen Ergebnissen! Die gezielte Fragepädagogik lenkt die Aufmerksamkeit des Sängers auf die Wahrnehmung bestimmter Stimulationen durch den eigenen Stimmklang: Gestern noch mehr sensorisch, empfindungsbetont, heute vor allem lauschend, horchend. Und bei allen funktioniert es: Die Aufmerksamkeit allein verstärkt die „guten“ Stimulationen, lässt Töne und Stimmklang voller, runder, klarer und reicher werden. Ohne dass wir etwas „machen“, eine bestimmte Mundstellung einnehmen, Kraft einsetzen, künstliche Verengung im Hals herstellen.

 

So viel Freiheit – spannend!

Das Gefühl, dass der Ton, der aus mir kommt, die Kontrolle über alle Bewegung in meinem Stimmapparat übernimmt, meine Lippen und Wangen wabern lässt, eine Beweglichkeit in der Kehle merkbar macht, ist fantastisch. Und auch ein bisschen gruselig, so viel Freiheit! Instabil, ungewohnt fühlt es sich an, klingt aber laut und voll und vielfarbig.

„Singen soll so einfach sein wie ein Lidschlag“, sagt unser Dozent Jan Fischer, und nach diesem Wochenende glaube ich, dass das möglich ist.

Auf das Ganze blicken und auf das Innere hören

Vielleicht wusste ich es ja auch schon immer, oder zumindest mein Körper, meine Stimme wusste es. Vielleicht haben wir auch in diesem Bereich verlernt, auf die tiefere Weisheit der Evolution zu hören, es bisher versäumt, mit einem wirklich ganzheitlichen Blick auf die menschliche Stimme zu blicken. Versäumt zu glauben, dass diese hochkomplexen Zusammenhänge nicht grundlos bestehen, sondern eine Aufforderung, eine Bedienungsanleitung sind!
Und worauf wir achten, wenn wir singen oder sonst etwas tun; wonach wir handeln, das ist meinst nicht das, was unsere innere Stimme sagt, unsere Eigenwahrnehmung, unser Selbst-Bewusstsein. Sondern maßgeblich für unsere Entscheidungen ist viel zu oft das, was von außen kommt, was erwartet wird, was „man“ so macht als Sprecher oder Sänger. Und dann „handeln“ wir, statt zu erleben, handeln oft gegen die Prinzipien unseres Stimmapparats und schaden ihm und damit uns.
Wollen wir das? Vor allem, wenn es auch anders geht?

Und sind das nicht Fragen, die wir uns auch für unser restliches Leben stellen müssen?

„Darf Musik wieder so sein, dass sie uns nach zwei Stunden gesünder aus dem Saal entlässt?“ fragt Martin Landzettel während des abschließenden Konzerts mit Fragerunde. Und das gilt nicht nur für die Zuhörer, sondern vor allem auch für die Musiker, deren Berufsstand es als einziger zulässt, dass seine Mitglieder von der Ausübung ihres Berufs krank werden. Stimmprobleme sind eine Seite, aber Haltungsschäden, dauerhafte Überbelastung durch Fehlhaltung und der Verlust des Gehörs vor allem bei Orchestermusikern kommen bei 70-80% von uns vor.
Eine derartige Quote in der Chemieindustrie wäre wohl undenkbar…

Samstagnachmittag, 16.10 Uhr

Das Wochenende lässt mich inspiriert, gestärkt und voller Zuversicht nach Hause fahren. Ich habe mich meiner Stimme ein großes Stück genähert. Ich sehe, dass der genaue Blick auf alle Umstände das Leben und Singen sehr erleichtern kann. Und auch wenn der Stimmapparat und seine Funktionsweise, die von so vielen Gegebenheiten von innen und außen gestört und beeinflusst werden kann, sehr, sehr komplex ist: Es lohnt sich, diese Zusammenhänge zu kennen und zu nutzen. Auch als Laiensänger oder Berufssprecher. Und auch wenn dieser Artikel nur lückenhaft und oberflächlich die Möglichkeiten anreißt, die ich in diesen zwei Tagen erleben konnte – und auch wenn wir in zwei vollen Tagen nur an der Oberfläche kratzen konnten!

Ich werde sicher wieder nach Lichtenberg kommen – ich schau direkt mal in den Kalender…

Die Stimme kann nur so gut funktionieren, wie es dem gesamten Organismus geht.
Lichtenberger Institut

 

Recent Posts

Leave a Comment

Start typing and press Enter to search