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Andere Zeiten – andere Stimmen?

 In Sonstiges
Nachdem wir bereits einen Blick auf den Ursprung der Sprache geworfen haben, schauen wir uns heute einmal die Veränderung der Stimme im Laufe der letzten Jahrzehnte an. Kann es tatsächlich sein, dass die Stimme und Sprechweise sich nicht verändert haben, obwohl sich gesellschaftlich und kulturell einiges getan hat? Gibt es nicht doch Veränderungen, die mit der Emanzipation einhergehen? Oder mit dem früheren Einsatz der Pubertät? Welche Unterschiede fallen auf, wenn wir Frauen- und Männerstimmen in Radio und Fernsehen früher und heute anhören? 

Starten wir mit den… 

…Frauenstimmen 

Und Überraschung: Frauenstimmen haben sich in den letzten Jahrzehnten tatsächlich verändert – sie sind generell tiefer geworden. Im Schnitt um zwei bis drei Halbtöne. Laut Sendlmeier spielen dabei „soziokulturelle Gründe und Vorurteile eine nicht unerhebliche Rolle“. In den 1980er Jahren wurde aufgrund von Forschungen die Meinung verbreitet, dass tiefe Stimmen positiver klingen. Nachrichtensprecherinnen haben daraufhin ihre Stimmen bewusst tiefer eingesetzt, wenn sie auf Sendung waren. Ob sie dadurch tatsächlich positiver wahrgenommen wurden, ist nicht bewiesen. An dieser Stelle sei gesagt, dass erfahrungsgemäß der dauerhafte Einsatz der Stimme in einer zu tiefen Stimmlage zu ungünstigen Verspannungen und einer eher angestrengten Sprechweise führt. Zuhörer nehmen das unbewusst wahr, die Spannung überträgt sich und die Stimme klingt wenig authentisch und glaubwürdig. 

Die neue Rolle der modernen Frau

Neue Rollen erfordern neue Stimmen. Frauen stehen heutzutage nicht mehr hinter dem Herd und ordnen sich den Männern unter. Frauen brauchen ihre Stimme nun auch in der Geschäftswelt. Eine piepsige Mädchenstimme geht zwischen den Männerstimmen unter und wird nicht ernst genommen. Eine tiefere – und trotzdem noch weiblich klingende Stimme – ist daher gefordert. Ein Bewusstsein für die eigene Wirkung, die Frauen mit ihren Stimmen auf ihre Zuhörer haben, ist unglaublich wichtig, um unmissverständlich kommunizieren zu können und die gewünschten Emotionen im Zuhörer auszulösen. 

Schaut man sich Fernsehsendungen und Werbung aus den 50er Jahre an, klingen – neben dem anderen Frauenbild – eindeutig auch die Frauenstimmen anders als heutzutage. Hier fällt außer der Tonhöhe auch die Sprechweise auf. Aussagen sind eher Fragen – die Stimme geht am Satzende also nach oben. Der Konjunktiv wird gerne eingesetzt (dieses Überbleibsel wird die ein oder andere Frau auch noch heute bei sich erkennen ;-)). Auch beim Ausdruck der Emotionen ist eine Veränderung wahrzunehmen. Herzhaftes, lautes Lachen – wie es heute in Filmen und Talkshows zu sehen ist – ist eher selten in alten Filmen zu hören. Frauen haben sich klein gemacht, den Mund hinter der Hand versteckt und maximal gekichert. 

Die Männerstimmen

Bei Männern ist eine Veränderung beim Zeitpunkt des Stimmbruchs festzustellen. Laut einer Studie mit den jungen Sängern des Leipziger Thomaner-Chors – geleitet von Michael Fuchs (Prof. für Hals- Nasen- Ohrenheilkunde) – sind die Jungen nun meist 15 Jahre alt, wenn sie in den Stimmbruch kommen. Manche haben den Wechsel bereits im Alter von elf oder zwölf Jahren. Zu Zeiten von Johann Sebastian Bach, der von 1723 bis 1750 als Thomaskantor wirkte, kam es erst mit 17 oder sogar 18 Jahren zum Stimmbruch.

Auslöser für den Stimmbruch ist das Hormon Testosteron. Der Kehlkopf wächst um 40 Prozent und die Stimmbänder verlängern von 12mm auf ca. 2cm. Das sorgt dafür, dass die Tonlage um eine Oktave sinkt. Warum sich der Einsatz des Stimmbruch im Verlauf der Jahrzehnte generell nach vorne verschoben hat, ist noch nicht abschließend geklärt. 

Und auch bei den Männern ist ein tiefer Stimmklang von immer größerer Bedeutung. Studien belegen, dass tiefere Männerstimmen dominanter und attraktiver klingen. Übrigens werden dominant klingende Männerstimmen als positiv wahrgenommen, wohingegen wir dominante Männergesichter unsympathisch finden. 

Auch im Wahlkampf ist das Kriterium Stimmlage von Bedeutung: Untersuchungen zeigen, dass Politiker mit tiefen Stimmen bevorzugt gewählt werden (Tigue et al., 2011). Die Teilnehmer der Studie entschieden sich sowohl bei der Fragestellung zu nationalen Wahlen als auch während eines Krieges für die tiefer klingenden Männerstimmen. 

Stimme, Sprechweise und Wortwahl passen sich je nach der Zeit in der wir leben, und der Rolle, die wir im gesellschaftlichen Leben annehmen, an. Frauen verlassen ihre „Kleinmädchenrolle“ und dürfen klare Botschaften senden, Führungsaufgaben übernehmen und sich zeigen. Dafür brauchen sie einen klaren, bestimmten Stimmklang und eine deutliche Wortwahl. Männer müssen zusehen, wie sie im Zuge der Gleichstellung von Mann und Frau einen neuen Platz finden. Emotionen sollen plötzlich in der Stimme hörbar werden, beispielsweise um eine bessere Bindung zu Mitarbeitern aufzubauen und gleichzeitig sollen sie weiterhin Teams führen, selbstbewusste Entscheidungen treffen und diese auch bestimmt kommunizieren. Eine gar nicht so leichte Aufgabe, die ein sehr gutes Bewusstsein für die eigene Stimme und Wirkung erfordert. Damit geht einher, dass wir uns zunehmend mit unserer eigenen Persönlichkeit beschäftigen müssen. Dazu gehört auch eine reflektierte Wahrnehmung und Schärfung unseres Bewusstseins für Stimme, Körper und Stimmung. 

Quellen: 

https://www.kw.tu-berlin.de/fileadmin/a01311100/Studiengaenge/2012_Resonanz-Raeume_W_Sendlmeier.pdf  (online am 31.10.2016)

http://www.spiegel.de/karriere/stimmbruch-spezialist-countdown-fuer-die-chor-karriere-a-828845.html (online am 31.10.2016)

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/05/stimme-charakter-launen-krankheiten/komplettansicht#stimmtraining-infobox-3-tab (online am 31.10.2016)

Cara C. Tigue et al.: Voice pitch influences voting behavior. Canada: Evolution and Human Behavior 33 (2012) 210–216, 2011

 

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