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Die Säge schärfen – Was Lehrer*innen und Holzfäller gemeinsam haben –

 In Entspannung, Innere Haltung, Richtig Reden, Selbstbewusstsein, Stimme allgemein, Stimmhygiene, Stimmpflege

von Ina Hagenau


“Ein Mann geht im Wald spazieren.

Nach einer Weile sieht er einen Holzfäller, der intensiv und sehr angestrengt an einem Baumstamm sägt.
Er stöhnt und schwitzt und hat offensichtlich viel Mühe mit seiner Arbeit. Der Spaziergänger tritt etwas näher heran, und erkennt schnell die Ursache und sagt zum Holzfäller: “Guten Tag. Ich sehe, dass Sie sich Ihre Arbeit unnötig schwermachen.
Ihre Säge ist stumpf – warum schärfen Sie sie nicht?”
Der Holzfäller schaut nicht einmal hoch, sondern zischt nur durch die Zähne: “Ich habe keine Zeit, die Säge zu schärfen. Ich muss sägen!” von Stephen Covey

 

Dein Werkzeug Stimme

Was passiert, wenn Du als Lehrerin Deine Stimme nicht mehr benutzen kannst? Wenn Du erkältet oder heiser bist, wenn das Sprechen anstrengt und Dein Stimmklang dünn und schwach klingt? Wenn das, was Du sagen willst, nicht beim Empfänger ankommt, weil Du zu leise bist, man Dich nicht verstehen kann oder Du Deinen Tonfall nicht mehr modulieren kannst, um eine bestimmte Bedeutung oder eine Emotion zu kommunizieren?
De facto bedeutet das, dass Du Deinen Job nicht mehr machen kannst, oder?

Die Ressource Stimme ist für Lehrende im weitesten Sinne das wichtigste Werkzeug in ihrem Beruf. Mit ihr können sie Inhalte so gestalten, dass ihre Zuhörer das enthaltene Wissen aufnehmen, verstehen und einordnen können. Ohne eine gestaltungsfähige, tragfähige, belastbare und flexible Stimme ist das schlechter oder gar nicht möglich. Bist Du Dir dessen bewusst, wie sehr Dein Berufsalltag vom Funktionieren dieses komplexen, leistungsfähigen und doch so anfälligen Instruments abhängt?

Hinzu kommt:
Als Menschen in einem sozialen Beruf, die oft ihre Arbeit als ihre Berufung wahrnehmen, fällt es LehrerInnen oft nicht leicht, auch auf sich selbst zu achten. Vor allem wir Frauen tendieren dazu, uns selbst hintenan zu stellen und erst zu reagieren, wenn es zu spät ist,
wenn immer wieder wochenlang Stimmruhe gehalten werden muss und das Burnout schon an die Tür klopft – besonders in dieser belastenden Zeit der letzten anderthalb Jahre!
Dabei tun wir unseren Schutzbefohlenen und KollegInnen einen Gefallen, wenn wir dafür sorgen, dass es uns selbst gut geht. Wenn wir für uns sorgen und dafür sorgen, dass unser Werkzeug Stimme gut trainiert und geölt ist, so dass wir differenziert artikulieren können, eine spannende und emotionale Sprachmelodie entwickeln und so für mehr Verstehen, Beteiligung und Aufmerksamkeit in Unterricht und Konferenz sorgen können, oder?

 

Anspruchsvolle Aufgabe

Der Lehrerberuf ist und wird immer mehr zu einer sehr anspruchsvollen Aufgabe, die dem Lehrpersonal körperlich, geistig und auch seelisch viel abverlangt. Große Klassen, leicht abgelenkte Schüler*innen, Klassenzimmer, deren akustische „Gestaltung“ eine konzentrierte Atmosphäre kaum zulassen. Eltern, die am Elternsprechtag den Lehrkräften die Schuld geben, dass ihr Kind keine guten Noten hat. Und dann jetzt auch noch Sprechen durch Masken und ständige Zugluft.

Dabei werden die Erwartungen an die Lehrkräfte nicht weniger. Eltern und Schulleitung bestehen darauf, dass die Schüler*innen das lernen, was sie später abgefragt werden müssen. Dass keine*r zurückbleibt und möglichst viele Schüler*innen einen guten Start ins weitere Leben haben – ob auf der weiterführenden Schule, der Uni oder Fachhochschule oder in einem Ausbildungsberuf.
Dass Klausuren gut ausfallen.
Dass sie immer wissen, was zu tun ist.
Dass sie keine Fehler machen. Ganz schön viele Bedürfnisse, die von außen auf Dich als Lehrer*in einströmen.


Deine Bedürfnisse

Aber was ist mit den Bedürfnissen, die Du als Lehrkraft selbst hast?
Hm.
Was hat das zur Folge? Die nie endenen Ansprüche und Wünsche der anderen verhindern, dass Du Dich zuerst um Dich selbst kümmerst.
Du gibst alles, und am Ende des Tages ist nichts mehr übrig. Und für Deine Stimme ganz konkret bedeutet das: Die tägliche Überbelastung geht an die Substanz. Du wirst heiser. Erkältungen brauchen länger, bis sie wieder auskuriert sind. Du kannst Dich schwieriger durchsetzen und bist schwerer verständlich. Deine Schüler*innen können nicht mehr soviel Inhalte aufnehmen, weil Deine Stimmqualität nachlässt
(hier ist die schockierende Studie dazu).
Du brauchst nach Feierabend eigentlich Stimmruhe, was Deine Lebensqualität stark einschränkt. Und je länger Du nichts dagegen unternimmst, desto länger festigen sich ungünstige Sprechgewohnheiten, die mit Druck Lautstärke und Autorität erzeugen möchten, malträtierst Du die zarten Stimmlippen, entstehen Prellungen und Ödeme auf den Schleimhäuten der Stimmbänder.
Aber es geht auch anders!

Was wäre, wenn…

Was wäre, wenn Deine Stimme ganz entspannt sein könnte, und Du trotzdem kraftvoll klingen würdest?
Wenn Deine SchülerInnen Dir an den Lippen hingen, weil Du Deine Stimme so einsetzen kannst, dass alle Inhalte spannend rüberkommen?
Wenn Du auch in stressigen, anstrengenden Situationen, zum Beispiel beim Elternsprechtag, souverän und entspannt klingst?
Wenn Du Dir Zeit nehmen könntest, um „Deine Säge zu schärfen“ (siehe oben), um Dich jeden Tag gut gewappnet und stark zu fühlen,
welche herausfordernden Aufgaben Dir Dein Alltag auch auf den Tisch knallt? Du kannst anderen am besten helfen, wenn es Dir selbst gut geht. Und für Dein Wohlbefinden bist Du als erwachsener Mensch nunmal vor allem selbst verantwortlich. Bist Du schonmal geflogen?
Es gibt einen Grund, warum zu Beginn des Flugs immer noch einmal gemahnt wird: „Bitte setzen Sie im Falle eines Druckabfalls in der Kabine zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske auf, bevor Sie anderen helfen!“ Du MUSST zuerst für Dich sorgen. Sonst fehlt Dir die Kraft, um dich um die anderen zu kümmern.

 

Hausaufgaben

Also, eine kleine Hausaufgabe für Dich:
Kannst Du Dir in der nächsten Zeit immer mal wieder bewusst machen, wie es Deiner Stimme so geht? Vielleicht kannst Du sogar kleine Notizen, z.B. einen „Akkustand“ in Dein Notizbuch oder Deinen Kalender machen. Allein dieses Bewusstsein zu schärfen, zu merken, ab wann und in welchen Situationen Belastungsgrenzen überschritten werden, wie sich das
dann anfühlt – das ist Gold wert und der wichtigste erste Schritt. Es lohnt sich, die Zeit zu finden, seine Stimme zu trainieren und damit
ausdrucksstärker, flexibler und resistenter zu machen. Das geht auch schon mit 5-10 Minuten täglich – denn höchstwahrscheinlich sind das 5-10 Minuten länger, als Du bisher trainiert hast…
Einige Tipps zum Stimme entspannen, aufwärmen und trainieren haben wir hier schon mal zusammengefasst. Such Dir doch mal einen oder zwei heraus und probiere aus, was passiert, wenn Du ihn zwei Wochen lang zwei mal täglich für zwei Minuten konsequent befolgst…

Und berichte uns gern:

Welche Umstände sind für Dich besonders
belastend im Schulalltag?
Welche Maßnahmen ergreifst Du jetzt schon, um Dich stimmlich vorzubereiten – oder zu entspannen?
Was wünscht Du Dir für Deine Stimme?
Schreib es uns gern in die Kommentare!

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