fbpx

„Solang die dicke Frau noch singt…“ Ernährungsmythen rund um die Stimme

 In Allgemein, Gesang, Körperarbeit, Reden, Richtig Reden, Singen, Stimme allgemein, Stimmhygiene, Stimmpflege

Wieviel Whiskey und Zigaretten braucht man für eine gute Rockstimme? Oder: Was ist dran an den Ernährungsmythen rund um die Stimme?

Ein Kollege von mir erzählte mir vor ein paar Jahren milde geschockt von einem Date mit einer klassischen Sängerin. Die Dame setzte sich zu ihm in die Kneipe und überlegte dann, was sie zu trinken bestellen sollte. Alkohol durfte es auf keinen Fall sein, denn der schadete ihrer Stimme. Kaffee – auch nicht. Selbst Tee: wenn der zu heiß ist, ist er ja schlecht für die Stimmbänder. Orangensaft – zu viel Säure. Letzten Endes entschied sie sich für ein Glas lauwarmes Leitungswasser. Und mein Kollege beschloss, dass soviel Strenge gegen ein zweites Date sprach…

Aber was ist denn dran an den Gerüchten, Verboten und Empfehlungen, die in Sänger- und Schauspielerkreisen hartnäckig die Runde machen? Und kann das auch für Nicht-Profi-Sprecher und Sänger relevant sein? Hier sind die Fakten:

Mythos: Mehr Körpervolumen macht mehr Stimmvolumen

Viele erfolgreiche Opernsänger sind ziemlich korpulent. Sind sie deswegen so erfolgreich? Weil ihre Stimmen aufgrund ihrer Figur besonders voluminös sind?

Fakt: Nein. Es ist eher umgekehrt: Sehr gute Sänger mit ständigen Engagements und späten Vorstellungen tendieren dazu, vor der Vorstellung wenig zu essen (das ist angenehmer für´s Singen), dafür dann aber nachher. Und wenn man gegen 23 Uhr die Hauptmahlzeit einnimmt, setzen die Kalorien einfach schneller an…

Es gibt also ganz dünne, kleine SängerInnen, deren Stimmen mühelos Säle füllen und große, korpulente SängerInnen, die eher dünn und piepsig klingen.

Mythos: Um eine gute Rockstimme zu bekommen, muss ich rauchen und viel Whiskey trinken.

Fakt: Äh… nein. Zuviel Alkohol und Zigaretten trocknen die Stimmbänder aus, gerben sie und erhöhen drastisch das Risiko für Stimmbandknötchen. Dadurch klingt die Stimme heiser, rauh und rauchig. Soweit stimmt das Gerücht. Aber die Nachteile sind viel größer: Der Tonumfang, die dynamischen Gestaltungsmöglichkeiten und die Kraft werden viel weniger. Du kommst nicht mehr so hoch und kannst nicht mehr lange singen, bis die Stimme ganz weg ist. Eine „Rockstimme“ lässt sich durch technische Effekte wie beispielsweise das Mitschwingen der „falschen Stimmlippen“ erzeugen, ohne dass Du ihr dauerhaft schadest und vielleicht sogar irgendwann eine Operation in Kauf nehmen musst…

Mythos: Bestimmte Speisen und Getränke darf ich als Sänger und Sprecher auf keinen Fall zu mir nehmen, sonst schädige ich meine Stimme.

Fakt: Jein. Wie schon oben erwähnt, bestimmte Nahrungs- und Genussmittel sind im Übermaß definitiv nicht zu empfehlen. Aber kategorisch etwas zu verbieten, ist für eine gesunde Stimme nicht nötig. Wenn Du Dich gerade von einer Stimmband-OP erholst, ist es ratsam, sich eine Weile an eine strikte Diät zu halten und die folgenden Lebensmittel zu vermeiden, um die Schleimhäute nicht zu reizen. Dasselbe gilt für Zeiten mit Halsentzündung… Ansonsten: Finde raus, was Deiner Stimme tatsächlich nicht so gefällt – das ist mal wieder sehr individuell und oft abhängig vom Zeitpunkt – also wann Du das Lebensmittel zu Dir nimmst. Betrachten wir das mal differenziert:

Nicht sehr heiß und sehr kalt: 

Extreme Temperaturen reizen natürlich die Schleimhäute. Ist normalerweise nicht schlimm. Wenn Du eine Halsentzündung hast, versuche aber nicht, sie mit sehr heißem Tee wegzubrennen, sondern trinke lieber warmes Ingwerwasser und trage einen Schal, um die Temperatur konstant und reizarm zu halten.

Keine Milchprodukte: 

Bei vielen Menschen führt der Genuss von Milchprodukten zu einer erhöhten Schleimproduktion in Mund und Rachen. Ich persönlich mag das nicht, es stört mich beim Artikulieren und ich muss mich ständig räuspern. Deswegen esse ich keinen Joghurt oder trinke Kakao vor dem Auftritt. Schokolade hat einen ähnlichen Effekt, finde ich. Ein Kollege von mir schwört allerdings auf sein großes Milcheis vorher und sagt, es „ölt“ die Stimme. Probier´s aus!

Keine Fruchtsäfte:

Die Säure im Saft macht auch mehr Schleim, außerdem reizt Saft die Stimmbänder, sagt man. Finde ich persönlich nicht. Ich habe eher das Gefühl, es „putzt“ den Rachen. Vitamine in frischgepressten Säften oder Smoothies sind natürlich auch gut für das Immunsystem. Teste es für Dich.

Kein scharfes Essen:

Hm. Wenn das stimmte, hätten ja alle Thailänder und Inder massive Stimmprobleme…

Wenn wir das Essen schlucken, gelangen höchstens Mikromengen der Nahrung in die Nähe der Stimmbänder. Und wenn Du öfter mal scharf isst, gewöhnen sich die Schleimhäute an die Reizung. Mir ist es aber auch schon passiert, dass nach einem sehr scharfen Essen meine Stimme sich belegt anfühlte. Fazit: Vor dem Auftritt keine extremen Experimente.

Keine Nüsse:

Auch wenn Du keine echte Nussallergie hast, kann es sein, dass bestimmte Nüsse, z.B. Erdnüsse, einen Hustenreiz hervorrufen. Genau wie Kekskrümel einfach lästig. Ich persönlich vermeide Erdnüsse vor dem Singen. Aber abends auf dem Sofa definitiv nicht… 😉

Kein Kaffee oder Tee:

Kaffee hat eine entwässernde Wirkung. Mehr Wasser gleicht das aus. Schwarzer Tee enthält Gerbstoffe, die die Stimmbänder vorübergehend rau und unempfindlich werden lassen (passiert auch mit Schokolade), Pfefferminztee oder Kamillentee reizen mit ihren ätherischen Ölen empfindliche Stimmbänder. Mal wieder: Probiere aus, wann Deine Stimme was vertragen kann. Ich finde es vor einem langen Auftritt wichtiger, wach und konzentriert zu bleiben (das Koffein hilft da schon ;-)), als die relativ geringen Nebenwirkungen zu vermeiden. Die Dosis macht´s natürlich.

Kein Alkohol:

Alkohol entwässert und ist außerdem ein Nervengift. Das bedeutet für´s Singen und Sprechen: Mehr Wasser zum Ausgleich trinken. Viel wichtiger noch: Die sehr fein abgestimmte Koordination der Stimmmuskulatur lässt schon nach ganz wenig Alkohol merklich nach. Ich merke das an meiner Intonationsfähigkeit als erstes (nach nur einem Bierchen). Überbelastung nehmen wir nicht mehr so schnell wahr und merken es erst am nächsten Tag!

Viele Menschen nutzen den Alkohol, um Nervosität loszuwerden. Ich finde das nur bedingt hilfreich. Denn so geht man ja nicht die Ursachen für das Lampenfieber an, sondern „braucht“ später sogar den Alkohol, um auf die Bühne zu gehen. Nicht gut! Zum Üben zu Hause, um die eigenen Hemmschwellen mal kurzfristig runterzufahren, ist es aber manchmal nicht schlecht, sich einen Prosecco zu gönnen und dann die eigene Stimme mal entspannter betrachten zu können.

Rotwein hat bei mir persönlich eine deutliche, gerbende/adstringierende Wirkung (am nächsten Tag klinge ich tiefer und rauher) durch die enthaltenen Tannine (Schleimhäute werden rau, Ton ist nicht mehr so klar). 

Viel Alkohol begünstigt übrigens Sodbrennen. Und das ist richtig schlecht für unsere Stimmbänder. Die werden dann vor allem nachts in der Horizontalen so richtig in Magensäure gebadet. Ohne, dass wir es merken. Gruselig. Und sehr, sehr schädlich.

Was soll ich denn jetzt essen!?

Da unsere Stimme ja Teil unseres Körpers ist, kann man wunderbar pauschalisieren:

Was gut für Deinen Körper ist, ist auch gut für Deine Stimme. Also, gesunde, ausgewogene Ernährung mit Genussmitteln in Maßen und schön vielen Vitaminen. Wenig schweres Essen, das uns Sodbrennen verschafft. Nicht zu spät den Bauch vollschlagen und direkt vor dem Auftritt lieber weniger. Und vor allem: Probieren geht über studieren. Also teste einfach, was für Dich funktioniert und was nicht! Das kann sich auch im Laufe der Jahre ändern – also immer wieder mal hinterfragen.

Auf einem Date, bei dem Du nicht singen musst, kannst Du mit Deinem/Deiner Liebsten also ruhig mal anstoßen. Und danach vietnamesisch essen gehen. 🙂
Noch Fragen? Dann kommentiert oder mailt uns gern!

 

PS: Das Zitat im Titel ist von der Band Kettcar aus „Ich danke der Academy“: „Solang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zuende“ heißt es komplett! 😉

 

 

Regelmäßig Stimmtipps erhalten?

Dann hier eintragen und zusätzlich ein kostenloses Stimmworkout abholen!


 
 
 

 

 

Recent Posts

Leave a Comment

Start typing and press Enter to search