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War „Mama“ das erste Wort?! Die Evolution unserer Sprache

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Zeichensprache oder Singen?

Der Ursprung der menschlichen Sprache

Wieso sprechen wir eigentlich? Es schwirren so viele kontroverse Theorien über die Entstehung unserer Sprache und die Nutzung unserer Stimme in der Welt der Wissenschaft herum, dass es mir unmöglich ist, mich für eine zu entscheiden. Und da die Nutzung von Stimme und Sprache auch nicht archäologisch nachweisbar ist, keine Spuren wie Fossilien oder carbondatierbare Überreste hinterlässt, lässt sich vermutlich auch in nächster Zeit keine endgültig beweisen oder widerlegen. Zwar lassen sich anatomische und intellektuelle Voraussetzungen nachweisen, aber ob die Menschen damals wirklich gesprochen haben, wissen wir nicht.
Um aber einmal zusammenzufassen, welche Erkenntnisse und plausible Schlüsse zumindest aus der Entwicklung der Anatomie und Kultur zu ziehen sind, haben wir einmal Fakten und interessante Theorien zusammengetragen.

Womit?

Anatomisch gleichen sich die Sprechorgane (Kehlkopf und Artikulationswerkzeuge) von Menschen und Primaten sehr. Auch Neanderthaler hatten eine sehr ähnliche anatomische Struktur von Kehlkopf und Innenohr.

Warum sprechen Affen nicht? Intelligent genug wären sie, und die Kommunikation über Bilder und Symbole funktioniert doch in Experimenten sehr gut?

Ursprünglich wurden die Sprechorgane ausschließlich für andere Körperfunktionen benötigt, nämlich Essen und Atmen. Die größte Veränderung in der Nutzung für die Kommunikation fand bei der Zunge statt. Während wir Menschen die Zunge in sehr komplexer Weise zur Lautbildung einsetzen, steht sie bei allen Säugetieren (also auch Schimpansen, Hirschen, Hunden, Elefanten…) gerade und flach in Mund und Rachen, um die Lautbildung nicht zu behindern. Tiere benutzen die Zunge also nur, um Nahrung im Mundraum zu bewegen, nicht zur Kommunikation.  Die Artikulationswerkzeuge beim Homo Sapiens und beim Menschen sind vor allem aber neuronal völlig anders verknüpft.

Wann?

Wissenschaftler sind sich einigermaßen einig, dass die gesprochene Kommunkiation in etwa vor 350 000-150 000 Jahren in der mittleren Steinzeit in Afrika entstanden ist. Diese Annahme gründet sich auf der Phonem-Theorie (Phonem = Laut). Je älter eine Sprache ist, desto komplexer und diverser sind ihre Laute. Die nachgewiesen lautärmste Sprache ist Rotokas in Neu Guinea (11 Phoneme), die Sprache mit den meisten Phonemen (141) ist !Xun in Südafrika – von dort vermutet man auch die Ausbreitung des Homo Sapiens (zum Vergleich: Hochdeutsch besitzt ca. verschiedene 40 Laute). Je länger eine Region mit Menschen besiedelt ist, desto komplexere Lautmuster und diversere Phoneme konnten sich entwickeln.

Wie?

Tja, jetzt wird es vielschichtig und kompliziert. Die folgenden Theorien schließen sich teilweise nicht gegenseitig aus, manche scheinen wild geraten zu sein, manche kann man zumindest durch Vergleiche teilweise belegen oder von ihrer Plausibilität ausgehen.

Unsere Sprache entwickelte sich wahrscheinlich parallel auf verschiedenen Ebenen.

  1. Imitation: Menschen imitieren Tier- und andere Umweltgeräusche, die für Ihr Überleben eine wichtige Bedeutung haben und entwickeln Symbole (s.6.).
  2. Menschen drücken mit Wiederholung und Imitation von emotionalen Lauten Zustände von Schmerz, Wohlbefinden oder Angst aus.
  3. Menschen einer sozialen Gruppe entwickeln allgemein gültige Ausdrucksweisen für wiederkehrende Ereignisse. Diese werden von Generation zu Generation vielfältiger (s.6.).
  4. Rituale werden von rhythmischen und frühen musikalischen Darbietungen begleitet.
    Diese Rituale ziehen sich durch den Alltag: „Lieder“ die die Arbeit erleichtern/begleiten oder Rituale, die die Gruppe, beispielsweise bei der Jagd, emotional auf einen Nenner bringt. Es ist vorstellbar, dass Teile dieser rituellen Lautäußerungen in andere Situationen transferiert wurden, um die verknüpfte Situation zu beschreiben. Eine verwandte Theorie ist die der „Musilanguage“.
  5.  Aus dieser Theorie speist sich eine andere: Nämlich, dass die frühen Menschen gesungen haben, bevor sie sprachen. Singen als Kommunikationsmittel, als Mittel zur Chronik, aber auch als Vorteil bei der Fortpflanzung: Heute noch üben Musiker auf der Bühne eine große Anziehung auf besonders die weiblichen Zuhörerinnen aus. Grund dafür könnte sein, dass jemand, der in der Steinzeit Zeit und Ressourcen hatte, etwas so „Nutzloses“ wie das Singen zu betreiben, ein guter Versorger sein musste.
  6. Sprache ist Teil der Symbolkultur der Menschen. Die Entwicklung, wichtige Ressourcen, Gefahren für die Gruppe und den Einzelnen, wiederkehrende Ereignisse usw. mit Symbolen zu versehen und so zu benennen, findet sowohl auf der malerischen und bildhauerischen Ebene als auch, praktischer gedacht, in Gestik, Mimik und eben auch Lauten statt.
  7. Es gibt eine Theorie, dass Lautsprache aus Zeichensprache entstanden ist, und hier gibt es auch Hinweise aus der Gehirnforschung, die in diese Richtung gehen: Menschen mit Schädigungen bestimmter Regionen der linken Hirnhälfte haben die selben Sprachstörungen, ob sie vorher mit Gebärdensprache oder Lautsprache kommuniziert haben. Die Areale für die Motorik von Mund und Händen liegen nebeneinander, und auch die selben Regionen der linken Gehirnhälfte sind bei sowohl Gebärden als auch Lautsprache aktiv. Außerdem ersetzen Primaten so weit es geht Lautäußerungen mit Gesten. Wir Menschen benutzen Gestik und Mimik um die Ausdrucksfähigkeit unserer Lautsprache zu verstärken, und es gibt elaborierte Gebärdensprachen, vor allem unter Gehörlosen, die unserer Lautsprache in Wortschatz, Ausdruck und Intellekt in nichts nachstehen.
    Der Übergang zur Lautsprache soll geschehen sein, als die Menschen zunehmend mit den Händen arbeiteten und keine Kapazität mehr zum Gestikulieren hatten. Andere Wissenschaftler vermuten, dass die Zeichensprache nicht verlässlich genug Wahrheit oder Lüge anzeigte: Die Kombination von Symbolik (ein Wort haben für etwas, s. 6.) mit Emotion (nicht fälschbarer Gefühlsausdruck s. 2, der Klang der Stimme, der Tonfall.) verlieh dem Gesagten mehr Verlässlichkeit als das reine Symbol (Geste).
    Wahre Worte sind also einfach zu fälschen, nicht aber die Stimme. Und wenn wir in der Stimme eine „Lüge“ entdecken, ignorieren wir instinktiv den Inhalt der gesprochenen Worte. Sprache funktioniert erst ab einem bestimmten Vertrauenslevel, das wir normalerweise von unserer Kenntnis der anderen Person (ist der/die vertrauenswürdig?) und schwer fälschbaren Signalen (Tonfall, Stimmklang, Mikroexpressionen) ableiten.
  8. Eine letzter theoretische Zweig liegt in der Veränderung der Aufzucht des Nachwuchses. Weil die Mutter arbeiten musste, konnte sie das Kind nicht die ganze Zeit am Körper tragen, sondern auf andere Weise beruhigen. Schreiende Babys waren schließlich eine Gefahr für die ganze Gruppe. Man vermutet also, dass Mütter Alternativen zum Körperkontakt suchten, um ihrem Kind zu vermitteln, dass sie in der Nähe waren. Die ähnliche tonale Sprache von Wiegenliedern auf der ganzen Welt basiert übrigens auf der Tatsache, dass alle Babys sich mit den selben musikalischen und lautmalerischen Signalen beruhigen lassen.
    Babysitting, ein unter den großen Affen allein den Menschen vorbehaltenes Phänomen, könnte auch zu einer zunehmenden Komplexität der Lautbildung geführt haben – weil das Kind die Aufmerksamkeit seiner Großmutter oder Tante brauchte, um überleben zu können.

Und war das erste Wort denn jetzt „Mama“?!

Könnte sein. Geht man von den Schmatzgeräuschen aus, die ein Baby an der Mutterbrust macht und fügt einen Laut mit entspannten Artikulationswerkzeugen hinzu, ergibt sich eine Vorstufe von „mama“. Und da die Verfügbarkeit von Muttermilch die oberste Priorität haben musste, wäre es eine logische Schlussfolgerung.

Fazit:

Man weiß es einfach noch nicht. Und wird es wohl auch erst erfahren, wenn wir in der Zeit reisen können… Aber die Möglichkeiten sind vielfältig und werden komplexer, je tiefer man in die soziale und psychologische Natur der Sprache und der menschlichen Beziehung eindringt. Wer sich durch alle Quellenlinks klickt, dem eröffnen sich Welten mit Stoff für endlose Romane, Filme und Enzyklopädien.

Viel Spaß damit!

 

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