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Ich oder die anderen? Wie uns Harmonie menschlicher macht

 In Sonstiges

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Und er ist süchtig nach Harmonie.

Die Fähigkeit, mit unseren Mitmenschen zu kollaborieren und in der Gruppe stärker zu sein als allein, prägt unser ganzes Dasein seit der Evolution zum Homo Sapiens. Wir lebten (und leben noch) in Gruppen, weil es einfacher und besser für den Fortbestand der Art war, wenn wir gemeinsam jagen, Kinder großziehen und uns verteidigen konnten.

Auch wichtig: Werkzeuge benutzen und sprechen lernen

Das ist allerdings nur ein Teil der Gründe, warum der Mensch auf der Evolutionsleiter so viel höher klettern konnte als beispielsweise unsere nahen Verwandten, die Schimpansen.

Hinzu kommt der Gebrauch von Werkzeugen und  – vielleicht als Schlüssel zu allem weiteren intellektuellen Wachstum: Die Sprache. Mit ihr lernten wir, anders zu denken, nämlich in Kontexten und Verknüpfungen, wir erschufen Worte und Satzkonstruktionen, die die nonverbale Kommunikation mittlerweile in unserem Zusammenleben übertrumpfen. Oder zumindest glauben wir das…

Stärker als das Was: Das Wie

Doch auch wenn wir immer weiter auf die Wichtigkeit der Sprache hinweisen, wir sprechen und lesen und schreiben lernen: Über all dem Intellekt und der Semantik liegt immer eine Färbung durch nonverbale Kommunikation, sei es durch Körpersprache, Tonfall oder Mikroexpressionen.

Unsere Entwicklung ist darauf angelegt. Unsere Spiegelneuronen machen es  zuallererst möglich, den individuellen Ausdruckscode der Kultur, in der wir aufwachsen, zu imitieren und einzusetzen. Dazu gehören Dinge wie Körperhaltung, Sprechweise, Tempo von Bewegung und Sprache, Sprachmelodie und bestimmte Gestik.

„Wir machen das alle so“

Dieses Verhalten ist wichtig, damit wir dazugehören, und wir fühlen uns dort am wohlsten, wo der diese Codes uns vertraut sind. Denn dann wissen wir, wie wir sie interpretieren und erwidern. So stellen wir schon als Babys sicher: Ihr nehmt mich an und sorgt für mich, denn ich gehöre zu euch. Und es ist euer Job, den Fortbestand eurer Art zu sichern.

Wir sind uns als Heranwachsende und Erwachsene  sicher: Das hier ist mein Stamm, hier gehöre ich hin, und hier kenne ich die Art und Weise, wie man zusammenlebt.

Eine Gruppe Menschen, die in diesen innerkulturellen Verhaltensweisen, aber auch in ihrer Zusammenarbeit und in ihren sozialen Gefügen und Hierarchien übereinstimmt, wird von Mitgliedern und Außenstehenden als harmonisch eingeschätzt.

Stärker als das Wie: Das Warum

Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, Harmonie und Zusammengehörigkeit herzustellen. Stämme und Staaten schließen sich zusammen, um einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen, sei das kriegerisch oder eine Herausforderung wie Epidemien oder Hungersnöte. Die Arbeit an einem gemeinsamen Ziel stellt kulturelle Unterschiede an zweite Stelle und macht auch „stammes“-übergreifende Kooperation möglich.

Etwas ähnliches geschieht, wenn ein Unternehmen seine Mitarbeiter unter gemeinsamen Werten und Zielen vereint, die schwerer wiegen als Büroetikette und hierarchische Strukturen: Das gemeinsam gelebte Streben nach einem Resultat macht es unwichtig, aus welchen sozialen und kulturellen Zusammenhängen die einzelnen Mitarbeiter kommen, so lange sie in die gleiche Richtung blicken wie der Rest des Teams.

Stärker als unser Wille: Die Naturgesetze

Über all diesen soziokulturellen Strukturen steht das physikalische Prinzip der Harmonie. Wir finden es in sich wiederholenden Mustern wie Jahreszeiten, Mondphasen, Tag-und-Nacht-Rhythmus. Und in Phänomenen wie dem „goldenen Schnitt“, der mit seinen mathematisch präzisen Proportionen unser Empfinden für visuelle Schönheit und Harmonie bestimmt und schon den alten Griechen bekannt war, sowie in Ornamenten und Rhythmen. Unser Gehirn sucht regelrecht nach solchen sich wiederholenden Strukturen, denn es tut nichts lieber, als sich dem Muster unterzuordnen, einen Puls aufzunehmen, einen Rhythmus weiter zu trommeln, sich an regelmäßigen Wach- und Ruhephasen zu orientieren, vorauszusehen, wann das Muster wieder von neuem beginnt.

Resonanz ist ein sich wiederholendes Muster

Dieselben alten Griechen befassten sich auch damals schon mit den harmonischen Strukturen in Klang und Resonanz. Viele Teile unseres musikalischen Empfindens sind kulturell geprägt, aber es gibt universell gültige Gesetzmäßigkeiten, die bestimmen, ob wir etwas als harmonisch oder unharmonisch empfinden, wobei wir Menschen grundsätzlich süchtig nach Harmonie sind: Disharmonie oder Dissonanz in der Musik empfinden wir als sehr anstrengend, wenn sie nicht aufgelöst wird.

Macht uns besonders glücklich: Probleme lösen

Dissonanz, die zu Konsonanz führt, macht Musik für uns allerdings besonders emotional und schön, interessanter noch als rein konsonante Klänge.

Und was uns ganz besonders glücklich macht, ist wenn wir gemeinsam aus einer Dissonanz in eine Konsonanz finden. Das kann man wieder mal soziologisch betrachten: Wenn wir uns nach einer kontroversen Diskussion endlich auf einen gemeinsamen Nenner einigen können zum Beispiel.

Wenn wir von Spannung in Entspannung kommen: Gemeinsam den Berg erklimmen und dann Pause machen, oder gemeinsam das Projekt zur Deadline fertigmachen und dann feiern gehen.

Oder eben wenn wir gemeinsam musizieren: Das Aushalten eines harmonischen Spannungstons mündet in einem schönen Gleichklang. Und wenn wir gemeinsam singen, liegt über den für uns gut unterscheidbaren Tönen im Akkord noch etwas, das man „Obertöne“ nennt.

Was? Obertöne? Ist mir zu kompliziert!

Nur ganz kurz erklärt: Jeder Ton, der von einem natürlichen Instrument (also auch der Stimme), erzeugt wird,  ist eigentlich ein Akkord, ein Stapel von fünfzehn mehr oder weniger leisen Zusatztönen über dem Grundton, den wir eigentlich singen und am lautesten hören. In den obersten Schichten dieses Stapels befinden sich die sogenannten Brillanzen, die uns beispielsweise verraten, ob jemand beim Sprechen lächelt oder nicht. Ohne, dass wir unsere eigentliche Tonhöhe verändern, verändert sich die Gewichtung der Obertöne. Dann verändert sich auch der Klangcharakter, vielleicht von dumpf zu hell.

Der Ton macht die Musik

Wenn wir mit jemanden in eine positive Gesprächsbeziehung treten wollen, wenden wir – bewusst oder unbewusst – den sogenannten Rapport an. Das bedeutet, dass wir die Körpersprache des Anderen imitieren. Wenn der andere sein Bein überschlägt, tun wir das auch, wenn die andere einen Schluck Wasser trinkt, tun wir das auch. Wir stellen Gleichklang her.

Und auch in der Stimme tun wir das: Wir passen Sprechtempo und Tonlage an, und eben oft auch den Stimmklang. Bei Paaren, die lange zusammen sind, findet man auch gemeinsame Gewohnheiten in Stimmgebrauch und Formulierung. Ein neuer gemeinsamer Code jenseits der familiären Herkunft wird etabliert und später an den Nachwuchs weitergegeben.

Harmonie herstellen als Selbstzweck – zum Beispiel im Chor

Wenn wir singen, und zwar speziell mit anderen zusammen, können wir genau das auch tun. Wir singen vielleicht sogar verschiedene Töne, aber wir „treffen“ uns weit oberhalb unserer Frequenzen in einer gemeinsamen Gewichtung der Obertöne. Das kann erstmal bewusst geschehen, zum Beispiel mit der bewussten Annäherung in der Vokalfärbung. Aber: Wenn wir unser System entspannen und diese Geschichten nicht mehr „handeln“ wollen, stellt sich unser harmoniesüchtiges Gehirn selbst auf die uns umgebenden Frequenzen ein und unser Stimmapparat produziert konsonante Laute – wenn wir ihn nicht dabei stören!

Was die Harmonie immer stört: Unser Ego

Dabei hilft uns nicht: Unser anerzogenes Bedürfnis, das Ergebnis immer kontrollieren und bewerten zu wollen. Dabei hilft uns: Neugierde, weit geöffnete Ohren und ein selbstloses Singen: Ein Wegschieben des eigenen Egos, um mehr Priorität für den Zusammenklang herzustellen. Etwas, das am besten und langfristigsten funktioniert, wenn alle Beteiligten sich darin einig sind: Denn dann sorgen alle für alle und ist für jede*n gesorgt.

Ein Prinzip, das sich  – wie so oft, wie wir in unserer Arbeit feststellen – mühelos auf sämtliche anderen harmoniebedürftigen Bereiche unseres Lebens übertragen lässt.

…und Du?

Wann denkst Du mehr an Dich als an die Gruppe oder das Große Ganze? Was ist eigentlich egoistisch und was ist Selbstfürsorge oder Selbstschutz? Wo findest Du diese Zusammenhänge in Deinem Leben beim Sprechen oder Singen?

Beobachte mal! Und wenn Du magst, kommentiere doch hier!

 

Es kann niemand ethisch verantwortungsvoll leben, der nur an sich denkt und alles seinem persönlichen Vorteil unterstellt. Du musst für den anderen leben, wenn du für dich selbst leben willst. – Seneca –

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