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Kontrolle verloren? Raus hier!

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Kontrolle verloren? Raus hier!

Über die Kultur des Nicht-gehört-werden-Wollens
Experimente zum Kontrollverlust

Es ist eines der unangenehmsten Gefühle, die wir haben können: Das Gefühl, dass uns alles entgleitet, dass wir die Kontrolle über eine Situation verlieren, dass wir uns nicht mehr im Griff haben. Das Gefühl der Hilflosigkeit, der Machtlosigkeit, des Akzeptieren-Müssens.

Wir denken sofort an schlimme Schicksalsschläge, an Krankheiten, Unfälle, plötzliche Verluste. Und dort ist diese negative Belegung womöglich auch angebracht und verständlich. Andererseits streben wir in unserer Freizeit oft genau nach diesem Kontrollverlust: nämlich durch Alkohol, Drogen oder Extremsportarten, auch Sex kann diesen Nervenkitzel vom freien Fall herbeiführen.

Ich schlage Dir heute eine neue Gefahrensituation vor, in der das gesundheitliche Risiko relativ niedrig 😉 und der Adrenalinkick erfahrungsgemäß erstaunlich hoch ist: Wie wär ́s, wenn Du mal die Kontrolle über Deine Stimme aufgibst?!


Aber – helft Ihr nicht Menschen, ihre Stimme zu kontrollieren?!

Hmm… interessanter, vielleicht abwegiger Gedanke? Warum eigentlich? Die Stimme ist in ihrer Funktion über die Kehlkopf- und Stimmbandmuskulatur fast ausschließlich über Intention steuerbar, sobald wir lernen, mit ihr „umzugehen“, sie zu „handeln“ oder einen Ton zur Erbauung anderer zu „produzieren“, nehmen wir Einfluss. Die Muskeln, die sich um den Kehlkopf herum tummeln – und das sind so einige – mischen sich dann gern in die Tonproduktion mit ein.

Wer mischt mit und müsste nicht?

Aber viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Und wir täten gut daran, diese Einmischung bewusst auszuschließen oder wenn überhaupt sehr gezielt und sparsam zu dosieren. Dann arbeitet die Stimme nämlich viel unangestrengter, physiologischer und somit effizienter. Das ist aber gar nicht so einfach, wirst Du merken, wenn Du mal genau in Deinen Hals, Rachen und Mund hinein spürst und merkst, dass Dir bei jedem noch so unartikulierten Laut Halsmuskeln, Zunge, Kiefer, Lippen und mehr ins Werk pfuschen. Und jetzt versuch mal, nach Jahren und Jahrzehnten des Gewohnheitsrechts diesen beteiligten Muskelgruppen das Mitmachen zu verbieten.

Klappt meistens nicht auf Anhieb. Vielleicht erstmal portionsweise: Kiefer hängen lassen (sieht schön dämlich aus), Zunge schwer und weich lassen (hat sie überhaupt keine Lust zu), seitliche Halsmuskeln und Rachenmuskulatur durch Bewegen ablenken. Alles entspannt? Dann: Dabei mal einen Ton singen, oder tönen.

Was passiert?

In den allermeisten Fällen springen die alten Hilfsreaktionen wieder ein.
Warum? Das Risiko, einen Klang, Ton, Laut von sich zu geben, der zu auffällig ist, ist zu groß für unseren Überlebensinstinkt. Aufzufallen, gesehen oder gehört werden fühlt sich an sich gefährlich für uns an. Das liegt daran, dass noch bis ins 18. Jahrhundert hinein die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft unser Überleben sicherte. Wir lebten zusammen Familie, Stamm, Religionsgemeinschaft, Dorfgemeinschaft, definiert durch gemeinsame Ziele und Weltanschauungen. Aufzufallen, womöglich lauter zu sein als das Oberhaupt der Gemeinschaft, stellte immer ein Risiko dar, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden (und tut es heute noch in manchen Strukturen: gefeuert werden oder „ghosting“ sind die Folgen). Da es die Auffangnetze des Sozialstaats für jeden Einzelnen erst seit relativ kurzer Zeit gibt, war das oft ein Todesurteil. Frauen, Kinder und Kranke hatten kaum eine Chance außerhalb der Gemeinschaften zu überleben, wenn, dann nur unter menschenunwürdigen Bedingungen. Es galt also, dieses Risiko zu minimieren, sich unauffällig in die Gemeinschaft zu fügen, keine Widerworte zu geben und gewachsene Machtstrukturen nicht in Frage zu stellen.

Über Hunderte von Generationen wurde dieses Verhalten zum gesellschaftlichen Konsens. Erst 1789 wurde in Frankreich das Recht auf Meinungsfreiheit für jeden Einzelnen festgelegt und seitdem gibt es einen langsamen Kulturwandel, der sich über das Recht auf Demonstration, das Wahlrecht für Frauen (gerade 100 geworden), das Verbot von Gewalt in der Ehegemeinschaft bis hin zur #metoo-Debatte und den aktuellen Enthüllungen über Vergewaltigungen von Ordensschwestern in der katholischen Kirche darauf stützt, Unrecht publik zu machen statt zu verschleiern und schön zu reden.

Was hat das jetzt mit meiner Stimme zu tun, bitteschön?!

Diese Ausführungen mögen dem ein oder anderen ein wenig fachfremd vorkommen, aber ich behaupte, sie entschlüsseln ein grundsätzliches Prinzip, nach dem wir heute immer noch unsere vorsichtigen Entscheidungen zum „gehört werden“ treffen. Erst seit wenigen Jahrzehnten und Generationen stellen wir beispielsweise bewusst und autonom die Frage, welche Werte und Regeln wir unseren Kindern mitgeben wollen und werden in dieser Autonomie von der Gesellschaft unterstützt. Und viel zu selten sind wir uns selbst bewusst, nach welchen (oft überholten) Werten wir erzogen sind und auch handeln.

„Kinder kann man nicht erziehen, die machen einem sowieso alles nach“, heißt ein sehr wahres Sprichwort. Und genau das tun wir, die Erwachsenen. Wie freiheitlich, mit welchen psychologischen und kulturellen Altlasten sind unsere Eltern und Großeltern mit uns umgegangen? Was davon haben wir übernommen, aus Angst, sonst nicht geliebt zu werden? Was davon geben wir heute unbewusst an die nächsten Generationen weiter? Warum dürfen viele, viele Mädchen heute immer noch weniger laut und wild sein als Jungs und viele, viele Jungs immer noch nicht weinen, ohne einen Machospruch reingedrückt zu bekommen?

Warum fällt es so schwer, der Stimme unkontrolliert freien Lauf zu lassen?

Weil wir dann ungefiltert hörbar werden. Weil das vielleicht viel zu viel über unseren (charakterlichen, emotionalen) Zustand verrät. Weil wir dann komisch angeguckt werden, weil „man das nicht macht“. Erstaunlicherweise schämen wir uns sogar vor uns selbst, wenn wir ganz alleine im Haus dieses Experiment machen und uns Laute entweichen, die wir von uns so nicht kennen. Wir fühlen uns verletzlich, haben keine Maske mehr, die uns schützt – vor den Blicken anderer, aber auch vor unseren eigenen! Diese anerzogenen Hemmschwellen und Ängste („Was ist, wenn mich doch jemand hört?“) werden mit dem Üben kleiner.

Aber wieso soll ich das denn Üben, wenn mich eh keiner hören soll? Wenn diese Laute doch weiterhin gesellschaftlich nicht akzeptiert sind?

Tu es, um zu spüren, wie Deine Stimme ganz ohne Dein Zutun funktioniert. Wie Dein Körper für Dich entscheidet. Weniger machen, mehr lassen. Wie klingst Du dann? Bewerte und urteile nicht über das Ergebnis! Betrachte nur. Superanstrengend für die Kontrollfreaks unter uns, ich weiß. Und doch kannst Du auf den Geschmack kommen, weniger Verantwortung übernehmen zu müssen.

Loszulassen.

Deine Stimme ein Eigenleben entwickeln zu lassen, von dem Du Zeuge sein darfst. Zeuge von Lust an Bewegung, genussvoller Vibration, Autonomie. Freiheit und Genuss, die Du natürlich auch mitnehmen darfst in Deine Sing- und Sprechstimme! Und Deine Stimme wird es Dir danken, indem sie Dir in angespannten Sprechsituationen deutlich signalisiert, wann Du mal wieder Spannung im Hals loslassen solltest, damit Dein Standpunkt klar und deutlich hörbar ist. Oder indem sie Dir beim Singen ungeahnte Kraft, Ausdauer und Umfang schenkt, Ressourcen für eine ungestörte, freie und kreative Interpretation der Musik.

„If you love someone, set them free“, hat Sting mal gesungen. Das gilt auch für Deine Stimme. Liebe sie – und lass sie frei.

 

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