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Das Befreien der natürlichen Stimme: Ina macht einen Linklater-Kurs

 In Allgemein, Atemtechnik, Atmung, Entspannung, Gehirn, Gesang, Innere Haltung, Körperarbeit, Körperhaltung, Methodik, Richtig Reden, Selbstbewusstsein, Singen

Manchmal, wenn man sich etwas lange vornimmt und dann endlich tut, sind die Erwartungen sehr hoch. Auch bei mir, als ich mich im Dezember daran erinnerte, dass ich schon immer mal einen Kurs in der Linklater-Methode machen wollte. Aber vorweg: Alle Erwartungen wurden erfüllt und es passierten auch Dinge, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte! Danke an Barbara und Irmela für alles „Neue, Spannende und Aufregende“!

Ich hatte die Methode „Das Befreien der natürlichen Stimme“ – eigentlich eine Methode für Schauspieler, entwickelt von Iris Warren und dokumentiert von Kristin Linklater – zumindest theoretisch im Studium kennengelernt und sie im Laufe der Jahre zu unzulänglichen Teilen auch mit SchülerInnen ausprobiert. Die Ergebnisse hierbei waren allerdings doch so gut, dass ich schon lange den Wunsch hatte, diese sehr praxisorientierte Methode auch endlich selbst zu erfahren und zu lernen. Und sehr spontan an diesen Wunsch erinnert, meldete ich mich kurzerhand zu einem Einführungskurs zum Jahresanfang auf der (wunderschönen, im Winter sehr einsamen) Fraueninsel im Chiemsee an.

Da ich am Tag vor dem Kursbeginn noch nicht anreisen konnte, wurde ich direkt aus dem Anreisestress in den Kurs geschmissen und war erstmal eigentlich ganz müde, und außerdem total erkältet, mit einer Stimme wie ein Reibeisen und furchtbaren Nies- und Hustenattacken zwischendurch. Ich hatte mich vor allem auch auf die Zeiten zwischen den Kurseinheiten gefreut, in denen ich endlich mal wieder durchatmen, Yoga üben, schreiben wollte, kurz gesagt: Alleine sein mit mir und meinen unaufgeräumten Gedanken. Nicht in einer Gruppe von vielleicht esoterischen, vielleicht überspannten, vielleicht nervigen, zickigen Mitmenschen…

 

Tag 1 und 2: Körper und Atem

Schon bei den ersten Körper- und Atemübungen merkte ich, wie flach mein Atem ging. Wie wenig ich eigentlich gerade kommunizieren wollte – und darum ging es ja gerade! Bei den Begrüßungsspielen mit den anderen Teilnehmerinnen merkte ich, dass ich meine zwischendurch im Gehen erworbene Selbstwahrnehmung komplett verlor, sobald ich mit Fremden in Kontakt treten sollte. Schockierend. Ich dachte doch von mir, dass ich eine so gute Körperwahrnehmung hatte. Und jetzt fühlte sich der ganze Bauchraum unterhalb des Magens verfilzt und verklebt und verspannt an. Als wir begannen, unsere vorbereiteten Texte vor uns hin zu sprechen und das mit verschiedenen Bewegungsarten zu kombinieren, ahnte ich das erste Mal etwas von der großen Erkenntnis, die ich später aus dem Kurs mitnehmen sollte: Dass der Körper, die Bewegung, ungeahnte Potentiale im Geist und dann auch in der Stimme freisetzen kann. Die durch die teilweise erhebliche Bewegungsenergie (Rennen, springen) verhinderte Kontrolle machte es möglich, dass der Text, der mir schon sehr vertraut war, auf einmal ganz neue Bilder und Emotionen in mir auslöste und ich am Ende den Tränen sehr nahe war. Das ging nicht nur mir so. Und das am ersten Tag…

Entspannen? JA! Aber nicht als Selbstzweck!

Die behutsame, aber sehr klare Art, Verspannungen und versteckte Kontrollen im ganzen Körper aufzuspüren und zu lösen, machte es möglich, dass wir alle im Laufe des Kurses viel weicher und empfindsamer wurden – sowohl körperlich als auch geistig. Wir arbeiteten uns unter der erfahrenen Leitung von Barbara und Irmela, die mit ihrer sachlich-humorvollen und gleichzeitig sehr sorgenden und gefühlvollen Art ein Fels in der Brandung der neuen Erfahrungen waren, durch unsere Körper und lockerten Wirbelsäule, Becken, Knie, Schultern, Hüftgelenke und Nacken, um dem Atem nie gekannte Räume zu erschließen. Von vorneherein arbeiteten wir impulsgesteuert, das heißt: Wir mussten mit unseren Gedanken ein Gefühl „füttern“, das unser Zwerchfell zum Einatmen brachte – und nicht einfach einatmen!

Ich staunte, wie fein abgestimmt Formulierungen sein müssen, um das exakte Bild für das exakt richtige Ergebnis hervorzubringen. Auch alle anatomischen Gegebenheiten bekamen Bilder: Ein Segel, ein Bergsee, ein dicker Baum, ein Trampolin, auf dem unsere Mini-Ichs aus unserem Mund hinaushüpften… Dadurch lebte ich von Tag zu Tag mehr in einer direkten Gefühls- und Empfindungswelt, statt den Kopf und das Wissen, das ich schon hatte, erst zu befragen, bevor ich etwas tat. Eine gute Übung für das „Bauchgefühl“, ein Trainieren des Imaginationsmuskels…
Wie gut es tat, zu merken, dass man viel mehr von anderen erfährt, wenn man die Kommunikationsimpulse direkt „auf´s Zwerchfell fallen lässt“ und einfach reagiert – ohne dabei den Kontakt zu sich selbst zu verlieren.

Tag 3 bis 5: Resonanzen und Artikulation

Ab dem dritten Tag begannen wir auch, Kiefer und Zunge zu lockern und zu dehnen, um dem Klang den Weg freizuräumen. Am Ende des Kurstages war ich so gut gelaunt wie lange nicht mehr – andere Teilnehmerinnen hatte die Arbeit besonders am Kiefer auch psychisch sehr mitgenommen. Ich bin wieder mal und immer noch fasziniert, wie direkt die Verbindung zwischen Körper, Seele und Stimme ist.

Wir eroberten die verschiedenen Resonanzräume und erforschten schließlich am letzten Vormittag noch die Artikulation, zwischendurch immer wieder geerdet und mit allen Körperteilen und unserer Gefühlswelt verbunden durch Bewegung, Entspannung und Erleichterungsseufzer mit und ohne Ton.
Als wir die Heimreise antraten, fühlte mich leicht transformiert, gelöst, inspiriert, offen, in Balance.

Und ein großer Teil dieses Gefühls ist immer noch da, auch einige Wochen im Alltagsstress hat es schon überlebt.

Die Effekte sind deutlich merkbar: Meine Stimme klingt voller, ist robuster und auch in anstrengenden Sprechsituationen (Chorprobe :-)) besser belastbar. Meine Atmung ist immer noch tiefer. Meine Kontakte zu anderen Menschen sind gefühlt empathischer und gelassener. Ich bin immer noch mehr bei mir, kann klar unterscheiden was ich will und brauche und was nicht.

Am alltagstauglichsten haben sich folgende kleine Übungen herausgestellt:

  • Atmen im Einklang mit der Bewegung der Wirbelsäule (siehe Artikel letzte Woche)
  • Immer mal mit offenem Mund „leben“, besonders dann, wenn ich mir wünsche, mehr von einer Person wahrzunehmen
  • Natürlich: Seufzen.

Was hätte ich verpasst?

Ohne die Erfahrung im Kurs hätte ich vermutlich nicht herausgefunden, dass der Anblick einer Ente einen anderen Atemimpuls auslöst als ein Schlüsselloch. Und auch wunderbare Übungen mit klangvollen Namen wie „Der kackende Adler“ und die „Bananendehnung“ oder der „Summzug“, der vom Steißbein durch die Wirbelsäule aus dem Mund unserem Sehnsuchtsziel entgegenklingt, wären mir unbekannt geblieben.
Ich hätte viele Impulse aus den Stimmen, Persönlichkeiten und Texten der anderen Teilnehmerinnen verpasst. Aber vor allem hätte ich diese neue Verbindung zwischen meinem Körper, meiner Wahrnehmung, meinen Gefühlen und meiner Stimme nicht gefunden, denn mein Kopf würde immer noch alle übertönen.

Ich wünsche mir…
…einen weiteren Kurs. Ein regelmäßiges „Durchrödeln“ meines gesamten Ichs mit dem Warm-Up. Dass mehr Menschen in den Genuss dieses Gefühls kommen und keine Angst haben, sich ihren Impulsen zu stellen und sie nicht immer kontrollieren wollen. Denn das Ergebnis wäre: Offene, kommunikationsbereite Menschen mit klangvollen Stimmen. Und wäre die Welt dann nicht schöner?

Jetzt seid Ihr dran!

Probiert mal Folgendes zuhause oder auch in Interaktion mit anderen aus: Wie fühlt es sich anders an, wenn ich etwas mit geschlossenem oder leicht geöffnetem Mund tue?

Erzählt uns von Euren Erfahrungen in den Kommentaren!

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