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Mit Kindern muss man singen – es gibt keine Ausrede!

 In Chor singen, Gesang, Music, Singen, Sonstiges, Sprachentwicklung

Montag, 8:15 im Kindergarten: Eltern und Kinder versammeln sich nach und nach mit teils verschlafenem, teils fröhlichem, teils interessiertem, teils ergebenem Blick im Flur zum gemeinsamen Singen.
Eine Viertelstunde lang singen wir gemeinsam Lieder, die zur Jahreszeit passen – mit unseren nur halb-wachen Morgenstimmen, für die die Gitarrentonarten größtenteils eine echte Herausforderung sind…

Manche singen laut, manche leise, manche Stimmen brummeln tief, manche trällern hell die Frühlingslieder zum Gitarrenspiel der Erzieherin mit. Und manche singen lieber nicht mit – leider. Aber warum nicht?!

Singen ist eigentlich etwas, was zu unserer menschlichen Kultur immer –  seit Zehntausenden von Jahren – dazugehört hat. Als Mittel zum Geschichte(n) erzählen und überliefern, als Unterhaltung der Gemeinschaft, als spirituelle Kunstform und nicht zuletzt (vielleicht sogar zuallererst, sagen manche Evolutionsforscher), um die Kinder zu beruhigen, die man gerade nicht am Körper trug. Kein Wunder eigentlich, dass statistisch gesehen 98% aller Menschen grundmusikalisch sind. 

Viele werden jetzt bedauernd den Kopf schütteln und sich denken „Na, da gehöre ich aber sicher nicht dazu, so wie ich singe!“

Aber hier liegt in der heutigen Zeit leider der Hase im Pfeffer.

Denn fast allen, die von sich behaupten, „unmusikalisch“ zu sein oder nicht singen zu können, fehlt es nicht an dem Gen, das musikalisch macht, sondern schlichtweg an Erfahrung und Übung.
Denn um mit unserem körpereigenen Instrument umgehen zu können, muss man es sich vertraut machen! Man muss es benutzen und erforschen, und genau das tun kleine Kinder mit großer Begeisterung (wie mit allem anderen auch).

Schaut man sich die Biographien professioneller Musiker an, ist fast allen gemeinsam, dass sie in ihrer frühen Kindheit mit Musik in Berührung gekommen sind, und zwar in einer positiven Art und Weise. Sei es durch Bestärkung und positiver Resonanz in der Familie oder durch Lehrer und Erzieher. Und ausnahmslos wurde viel gesungen!

Müssen jetzt alle professionelle Musiker werden? Auf keinen Fall! 

Aber das Singen als Grundbedürfnis des Menschen zu erlauben, als Mittel zum Ausdruck, für ein Gefühl der Zusammengehörigkeit – das brauchen wir!

Schaue ich mir meine (erwachsenen) GesangsschülerInnen an, die zu mir kommen, weil sie sich wünschen, endlich singen zu lernen, ist ihnen auch oft eine Sache gemeinsam:
In ihrer Kindheit wurden sie für ihren Gesang bestraft – entweder mit Bemerkungen zur fehlenden Qualität, mangelndem Talent („So wird das aber nichts mit der Gesangskarriere!“ „Da klingt ja meine Bohrmaschine schöner!“), oder weil der Gesang störte („Pst, Papa/Oma/das Baby schläft doch!“ „Sei mal still, ich höre hier zu!“).

Brummer werden in die letzte Reihe abgeschoben

Der Begriff des „Grundschultraumas“ ist in gesangspädagogischen Kreisen bedauerlicherweise eine feste Größe – vor allem sogenannte „Brummer“ beim Singen in der Schulklasse hören vollständig auf zu singen, weil ihnen vermittelt wird, dass sie nicht gut genug sind um mitsingen zu dürfen. Das Abschieben in die letzte Reihe, das „Notenständer sein“ – all das verhindert, dass diese Kinder ihre Stimme weiter entdecken und frei benutzen.

Die Freude und Entspannung, die das Singen bewirkt  – egal auf welcher Qualitätsstufe man es ausübt – und natürlich nicht zuletzt das Gefühl dazuzugehören, bleibt ihnen lebenslang verschlossen.

Wir müssen nicht alle Solisten sein

Der Trend der Castingshows verstärkt dieses Phänomen und weitet es auf die Erwachsenen aus: Singen darf eigentlich nur noch derjenige, der auch auf einer Bühne das Publikum begeistern kann. Und Millionen von Zuschauern sitzen ohne Fachkompetenz von den Fernsehern und beurteilen, wer es kann und wer schnell rausgevotet werden muss. Eine Riege von mutigen Solisten, die von Nicht-Sängern bewertet wird.

Was bewirkt das in unseren Köpfen? Wie denken wir infolgedessen über unser eigenes Singen? Denn: Wie wir über andere denken, so denken wir auch immer über uns selbst, wenn nicht noch kritischer!

Die wenigsten von uns fühlen sich mit dem Gedanken wohl, man könnte hören, wie sie singen! „Nicht gut genug“ blinkt in unserem Kopf auf – und wir singen lieber nicht mit. Oder nur ganz, ganz leise.

Eine Kultur des Nicht-Singens – wollen wir das?!

Aber welches Bild vermittelt das unseren Kindern?
Dass „wir“ nicht singen. Dass das etwas ist, das den Profis vorbehalten ist. Wir züchten gerade eine Kultur von Nicht-Sängern. Wir verhindern die musikalische Entwicklung unserer Kinder, in dem wir ihnen vorleben, dass man so etwas nicht macht!

Das mag extrem klingen, aber wenn man mal genau darüber nachdenkt: Kinder übernehmen die Verhaltensweisen ihrer engsten Bezugspersonen. Es hilft nichts, wenn wir sie einmal in der Woche zur musikalischen Früherziehung bringen, damit sie „schlauer“ werden. Wenn wir sie mit 8 oder 9 zum Instrumentalunterricht zwingen, damit das Lern- und Konzentrationsvermögen verbessert wird. Das sind nur Tropfen auf den heißen Stein.

Singen ist emotionaler Ausdruck

Und es reicht auch nicht, CDs mit Kinderliedern laufen zu lassen. Schon Babys sind fixiert auf den individuellen Stimmklang ihrer Bindungspersonen, und Singen legt die volle emotionale Bandbreite dieser Stimmen frei. Singen ist so melodisch wie Lachen und Weinen gleichzeitig und zeigt den Kleinsten, wie man Emotionen ausdrückt. Und das Beobachten der Mundbewegungen (wie auch beim Vorlesen) fördert das Erlernen der muttersprachlichen Artikulation.

Singen macht glücklich, das ist nicht nur fühlbar, sondern auch wissenschaftlich erwiesen.

Und außerdem:

Kinder, die singen, haben es später leichter, ein Instrument zu erlernen.

Kinder, die singen, haben eine weitaus höhere Sprachkompetenz (das gilt besonders auch für Fremdsprachen!), als Kinder, die nicht singen.

Kinder, die gemeinsam singen, lernen aufeinander zu achten und zu kooperieren.

 

Eltern, die mit ihren Kindern singen, brauchen keine musikalische Ausbildung.

Eltern, die mit ihren Kindern singen, erlernen mit ihren Kindern musikalische Kompetenz.

Eltern, die mit ihren Kindern singen (egal wie gut oder richtig oder „falsch“), ermöglichen ihrem Kind eine musikalische Entwicklung, die ein Werkzeug mehr ist, um ein glückliches, selbstbestimmtes Leben zu führen.

Liebe Eltern,

bitte springt über Euren Schatten und singt mit Euren Kindern. 

Singt auch montags um 8.15 Uhr so laut und schön ihr könnt. Oder schon um 7 Uhr im Auto!

Und sagt es weiter! Sagt es Euren Familien, den Großeltern, Tanten und Onkeln Eurer Kinder. Euren Freunden, Fußballkollegen und den anderen Müttern beim Kinderturnen. 

Lasst uns wieder eine Kultur schaffen, in der Singen für alle so selbstverständlich ist wie essen, schlafen und sprechen. 

Singt beim Kochen, Spülen, Aufräumen, im Auto, unter der Dusche, beim Wandern, auf dem Spielplatz, beim Zähneputzen, im Chor und im Fußballstadion und in der Karaokebar.

Ihr braucht es nicht zu lernen, ihr könnt es schon. Wirklich.

Ihr müsst es euch nur erlauben und es einfach machen.

Ich wünsche Euch viel, viel Spaß und Freude (und ein bisschen Mut) dabei!

 

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