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Ist unsere Stimme ein Tabuthema?!

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Über „Schwächen“ und „Defizite“ reden wir nicht gern…

Warum ist es so schwierig für uns, „Schwächen“ in unserer Stimme zuzugeben und anzugehen? Warum sorgen nicht viel mehr Menschen dafür, dass ihre Stimme ebenso gepflegt und bewusst geformt wird wie unsere Körper, unsere Frisur, unsere Kleidung? 

In unserer Arbeit sind uns viele Gründe begegnet. Letzten Endes bleibt keiner davon wirklich haltbar, wenn man ihn genauer betrachtet. In diesem Artikel versuchen wir zu beleuchten, warum die Stimme für viele von uns ein Tabuthema ist und warum es sich lohnt, dieses Tabu zu brechen.

 

Unsere Stimme ist etwas Intimes

Die Stimme ist ein sehr persönlicher Teil von uns. Ein Organ, das sich oft unserer Kontrolle entzieht und besonders in emotionalen Situationen unsere wahren Gefühle offenbart. Ein Teil unserer Außenwirkung, dem wir uns oft nicht einmal bewusst sind. Und wenn doch, dann meist mit der Annahme, dass wir im Gegensatz zu Frisur und Styling nicht viel daran verändern können.
Wir haben oft sehr feste Annahmen über unsere Stimme, haben sie aber in den seltensten Fällen einmal sachlich überprüft (z.B. durch Aufnehmen oder eingeholtes Feedback). Das führt dazu, dass in unseren Köpfen die Stimme in einem geheimnisumwobenen Nebel verschwindet und als unveränderlich und unverbesserlich angesehen wird.

 

„So spreche ich schon immer!“

Oft haben wir sehr feste Glaubenssätze, was unsere Stimme betrifft. Die können wir an Formulierungen wie „Das ist halt so, so klinge ich schon immer“ oder „Ich bin einfach ein Nuschler“ oder „Die piepsige Stimme habe ich von meiner Mutter/Tante/Oma geerbt“ erkennen.

Alle diese Aussagen haben eine Unabänderlichkeit als Basis, etwas Gottgegebenes, auf das wir keinen Einfluss haben. Dabei sind fast alle stimmlichen „Defizite“ schlechte Gewohnheiten, die wir uns entweder ab unserer frühen Kindheit schon bei unseren engsten Bezugspersonen abgeschaut haben oder die uns anerzogen wurden („Sei nicht immer so laut“, „du hast hier gar nichts zu melden“, „wer schreit hat Unrecht“, „aber nur wenn du mich ganz lieb fragst“). Die gute Nachricht: Wir können sie uns auch wieder abtrainieren und durch gute Gewohnheiten ersetzen!

Hinzu kommen Ausnahmen, in denen tatsächlich die anatomischen/physiologischen Gegebenheiten suboptimal sind – das sind aber wirklich nur Ausnahmen, denn fast alle Menschen sind mit einem leistungsfähigen, funktionstüchtigen Stimm- und Resonanzapparat ausgerüstet.

 

Alte Denkweisen machen Arbeit

Diese Denkweisen umzulernen, neue Wege zuzulassen oder auch die mentalen Glaubenssätze hinter der stimmlichen Ausprägung zu bearbeiten, kann langwierig sein und ist meist nicht von einer auf die andere Woche umkehrbar. Die Notwendigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, in sich hineinzuhorchen (im wahrsten Sinne des Wortes), die Funktionen der Stimme und die Gedanken in einen neuen Kontext zu setzen und Altes loszulassen, ist oft frustrierend und manchmal schmerzhaft – vor allem wenn hinter allem immer noch der Glaube steht, man könne eigentlich sowieso nichts ändern!

Und wer will das schon?! Schließlich sind wir heutzutage auf schnelle Erfolge getrimmt und wollen SOFORT Resultate sehen! 😉

Eine zusätzliche Schwierigkeit ist das Umfeld: Wenn auch hier alle Bezugspersonen der Ansicht sind „so sprichst du eben“, wird Veränderung nicht angeregt, kein reflektiertes, konkretes Feedback gegeben. Das brauchen wir aber vor allem zu Beginn unbedingt, um und weiterzuentwickeln! Also bitte danach fragen!

Es ist einfach noch nicht landläufig bekannt, dass die Stimme als körperliche Funktion genauso trainiert, geformt und in ihren funktionalen Abläufen optimiert werden kann wie der Rest des Körpers.

Die psychologische Komponente des Trainings (wie mentales Training bei Hochleistungssportlern) kommt allerdings sehr viel früher zum Tragen, schließlich sind die Muskeln und Gewebestrukturen, die für die Stimmgebung verantwortlich sind, fast ausschließlich über Intention und Emotion ansteuerbar. Das führt dazu, dass durch Bearbeiten dieser mentalen, inneren Zustände die Stimmfunktionen  und Sprechweise viel schneller und gründlicher beeinflusst werden können als mit reinen Stimmübungen.

 

„Aber stop – das bedeutet ja, dass ich doch wieder diese alten Fässer mit den Glaubenssätzen, Gewohnheiten und meiner grundlegenden inneren Haltung aufmachen muss…?“  „Ja genau!“ „Och nee… das ist mir zu anstrengend…“

Wenn Du das jetzt denkst, hast Du Dich immerhin bewusst dagegen entschieden, etwas zu tun. Die allermeisten wissen noch nicht mal um diese psychologische Komponente und der Macht, die sie über ihre Stimme hat! Sie machen fleißig Stimm- und Sprechübungen, erzielen aber keine wirkliche Veränderung, wenn es dann wirklich in einer wichtigen Sprechsituation darauf ankommt. Das bestätigt natürlich wieder die Annahme: „Tja, das ist eine eben Schwäche von mir, an der ich scheinbar wirklich nichts ändern kann…“

 

„Ich? Eine Schwäche? Neeeeiiiiin!“

Und dann geht der nächste Teufelskreis los, der dieses Thema erst zum Tabuthema macht: Wir geben Schwächen ungern zu. Besonders bei Männern in ihren traditionellen Rollen, und da im Speziellen in leitenden Positionen, bedeutet das Zugeben von Schwächen meist den Verlust des sozialen und hierarchischen Status. Zumindest glaubt man das. Und die allerwenigsten haben die innere Stärke und Überzeugung, sich darüber hinwegzusetzen – denn auch der Großteil des Umfeldes wertet dies wiederum als Schwäche. Diese Haltung erfordert also ganz schön viel Mut!

 

Keine Gefühlsduselei, bitte!

Unsere Stimme, wenn sie frei und ungehindert benutzt wird, verrät außerdem unsere (wahren) Emotionen. Und wieder sind es die Männer –  und die Frauen in männerdominierten Umfeldern – die darunter leiden, dass das Zeigen von Gefühlen in unserer Gesellschaft mit Misstrauen betrachtet wird. Echte Gefühle zu zeigen oder zuzugeben macht uns verletzlich. Und Verletztlichkeit wird ebenfalls  – zu Unrecht! – als Schwäche angesehen. Dieser TED-Talk zum Thema ist sehr empfehlenswert: Brené Brown über Verletzlichkeit

 

Ein Tabu ist vor allem Bequemlichkeit!

Fassen wir also kurz zusammen: Die Stimme von hinderlichen Glaubenssätzen und gesellschaftlich auferlegten Einschränkungen zu befreien, erfordert ein gewisses Maß an Verletzlichkeit, ein größeres Maß an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit als zuvor (sowohl sich selbst als auch den anderen gegenüber und vor allem den Mut, sich den eigenen seelischen Zuständen zu stellen. Falls das überhaupt erforderlich ist. 🙂
Diese ganzen inneren Prozesse und die manchmal unangenehmen Fragen, die wir uns stellen müssen, führen dazu, dass wir das Thema lieber nicht anrühren, um keine schlafenden Hunde zu wecken. Passiert das in einem gesamtgesellschaftlichen Konsens, tun das also alle, wird so ein Thema schnell zum Tabu. 

Unsere Aufgabe und Mission ist es darum, alle Menschen zu ermutigen, diesen Weg trotzdem zu gehen! Die Arbeit an der Stimme und gleichzeitig an der Persönlichkeit lohnt sich immer und bereichert unser Leben in allen Bereichen, sowohl im Arbeits- als auch im Privatleben.

Denn die Stimme ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel –  und die meisten zwischenmenschlichen Probleme rühren von schlechter Kommunikation her, z.B. von Unaufrichtigkeit, falscher Rücksichtnahme, unklarer Ausdrucksweise, missverständlichem Subtext. Der Subtext (also die darunter liegende Bedeutung der gesprochenen Worte) wird vor allem über den Tonfall und die Sprachmelodie kommuniziert. Und nur eine freie Stimme mit echtem, klaren emotionalem Ausdruck kann einen überzeugenden, authentischen Subtext transportieren. Der Ton macht eben die Musik – in jeder Art von Beziehung. Sei es unter Kollegen, mit Vorgesetzten, Kunden, Partner*in, Freunden oder Familie…

 

 

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