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Stimmtraining im Reality Loop

 In Gehirn, Innere Haltung, Sonstiges, Stimme allgemein

Eine der größten Herausforderungen und gleichzeitig der wichtigste Teil im Stimmtraining – übrigens nicht nur hier :-), ist der Alltagstransfer. Das Erlernte aus dem Trainings- oder Therapieraum in die „Wirklichkeit“ zu bringen. 

Während meiner ersten Schritte im Berufsleben als Logopädin war genau das mit meinen Patienten die größte Hürde. Ich habe im Studium die unterschiedlichen Stimmstörungen kennengelernt, verschiedene Therapiemethoden ausprobiert, gelernt, welche Übungen an welcher Stelle im Therapieprozess hilfreich sind, Anatomie und Physiologie gepaukt… Alles wichtig und nötig, doch wie sich in der Praxis rausstellen sollte, oftmals nicht ausreichend. 

Denn: Ganz häufig kommen uns Gewohnheiten oder Überzeugungen dazwischen, die – wenn ich nicht auch an diesen Stellen in Therapie oder Training ansetze – das neu Erlernte im Alltag nicht zulassen oder überlagern. Die „richtige Haltung“ wird dann durch das 8h am Schreibtisch vor dem PC sitzen unmöglich, die Atmung wird wieder flach, weil die Haltung nicht stimmt, dann kommt die Kraft für die Stimme beim Telefonieren, die noch drei Kollegen im Büro übertönen muss, wieder aus dem Kehlkopf und die Stimmstörung und wenig souverän klingende Stimme bleibt. 

Ein „Werkzeug“, eine Herangehensweise oder eine Blickrichtung, um den Alltagstransfer mit einzubeziehen und zu berücksichtigen, ist uns vor einiger Zeit bei Alexander Hartmann begegnet.

Dort haben wir über den Reality Loop gelesen. Ein wunderbar einfaches Modell, mit dem sich auch unser Trainingsansatz ganz gut darstellen lässt.

Der Reality Loop nach Alexander Hartmann (inspiriert durch den Hypnotic Loop nach James Tripp)

Es gibt vier Boxen: 

  1. Imagination/unser Denken (Vorstellungskraft, innere Bilder)
  2. Physiologie (das, was auf körperlicher Ebene passiert)
  3. Erfahrungen
  4. Glaubenssätze/Überzeugungen 

Loop deshalb, weil sich die vier Elemente kreisförmig beeinflussen: Unsere Gedanken wirken im Körper – und zurück, unser Erleben auf körperlicher Ebene wird zur Erfahrung, woraus Glaubenssätze und Überzeugungen entstehen, die wiederum unsere Vorstellung/unser Denken anfeuert. Und so dreht sich das Rad immer weiter. 

Ein Beispiel dazu aus dem Stimmtraining:

Ein Klient kommt zu mir, weil er das Feedback vom Chef bekommen hat, dass er im Teammeeting schlecht verstanden wird und viel zu leise spricht. 

Eine Überzeugung des Klienten könnte beispielsweise sein: Wer laut ist, hat unrecht. Sein Ziel im Meeting ist es, mit leiser Stimme zu überzeugen und nicht ausfallend zu werden. Dieses Denken kann auf physiologischer Ebene eine „unterwürfige“ Haltung auslösen, die Stimme wird leise eingesetzt, die Aussprache wird wahrscheinlich undeutlicher, weil der Klient vorsichtig formuliert und den Mund möglichst wenig bewegt. 

Im Team wirkt der Klient dadurch unsouverän, wenig selbstbewusst und überzeugend und wird in vielen Situationen wahrscheinlich einfach überhört. 

Wir könnten im Stimmtraining auf körperlicher Ebene ansetzen: Übungen zur Resonanz und Lautstärke machen, die Artikulation trainieren, eine aufrechte, präsente Haltung erarbeiten und so weiter. 

Die Herausforderung: Der Alltagstransfer

Was dann allerdings zwingend passieren muss: Der Klient braucht Erfahrungen außerhalb des Trainingsraums. Er muss erleben, dass er durch die Veränderungen auf körperlicher Ebene tatsächlich von seinen Kollegen anders wahrgenommen wird und auch mit lauter, klarer Stimme seine Wahrheit erzählen kann und seine Botschaft dann tatsächlich auch bei seinen Kollegen gehört wird. Dann können sich neue Glaubenssätze formen, die wiederum das Denken beeinflussen usw.

Bleibt das Stimmtraining im Trainingsraum und unterstützt der Trainier oder Therapeut den Prozess der Erfahrungssammlung in der „Wirklichkeit“ nicht, ist ein Rückfall oder einfach eine unveränderte Sprechweise im Alltag sehr wahrscheinlich. 

Der Therapeut oder Trainer als Co-Creator

Wir sind als Therapeut oder Trainer also gleichzeitig oft auch Sparringspartner in der Schaffung einer neue Wirklichkeit für den Klienten. Perspektivenwechsel ermöglichen, Glaubenssätze in Frage stellen, neue Ziele erarbeiten sind nur einige der Elemente, die im Stimmtraining oder in der Stimmtherapie mindestens genauso wichtig sind, wie klassische Therapieelemente oder Sprecherziehung. 

You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete. R. Buckminster Fuller

 

PS: Alexander Hartmann erklärt seinen Reality Loop in einer kleinen Videoserie auf seiner Homepage. Und auch bei James Tripp kannst Du interessante Beiträge finden.

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