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Warum singst Du eigentlich?!

 In Entspannung, Gesang, Innere Haltung, Singen, Sonstiges, Stimmwellness

Weshalb wir unseren eigenen Bedürfnissen nachgeben sollten, wenn wir singen.

„Was ist das Schönste am Singen?“ frage ich meine Schüler*innen oft in den ersten Stunden. Oder auch „Warum singst du/willst Du Singen lernen?“ Die Antworten liegen meistens im Bereich von „Das klingt schön“, oder „das macht Spaß“ bis hin zu „ich kann das halt nicht und will es können“ und „XY hat gesagt, ich sollte mal…“

Und selbst wenn oberflächlich betrachtet intrinsische Motivation den Anstoß gegeben zu haben scheint („das macht Spaß“, „das klingt schön“), wird beim genaueren Nachfragen klar, dass es oft doch darum geht, das Umfeld zu „bedienen“. In einem Chor, in dem man singt, besser zu klingen, die Mitbewohner nicht mehr mit „falschem“ Gesang zu belästigen, Familie und Freunde irgendwann mit einem Auftritt zu beeindrucken.

Voilá: Das Ergebnis!

Das Resultat einer solchen Zielsetzung, auch wenn sie den Betroffenen zu Beginn oft nicht klar ist, ist beim Singen üben und im Unterricht eine ausschließliche Fixierung auf das Ergebnis: Den Ton, den wir produzieren. Um sicherzustellen, dass dieser Ton auch „okay“ ist, also den Geschmack und das Bewertungsmuster unseres Klangideals zufrieden stellt, stellen wir so einiges an:

Wir versuchen zu antizipieren und zu planen, wie der Ton beschaffen sein wird, bevor wir ihn „entlassen“. Das ist normal, wenn wir das Ergebnis für wichtig halten, denn dafür sind unsere Gehirne gemacht: Zum Denken und Planen – und um Fehler, die uns das Leben kosten können, zu vermeiden.

 

Bloß keine Fehler machen – Blamage droht!

Das Problem hierbei: Unser Bedürfnis, „Fehler“ zu vermeiden, verhindert oft eine freie Stimmgebung. Denn sobald wir über den Ton urteilen, bevor er erklungen ist, greifen wir schon in seine Entstehung ein: Wir schieben vielleicht mehr Luft Richtung Stimmritze als unbedingt nötig, wir verengen den Rachen und versuchen mit der Zunge und der Mundstellung den Klang zu beeinflussen. Diese Rechnung geht auch manchmal auf, und der Ton ist okay. Also lernen wir, dass das eine gute Strategie ist. Vor allem, wenn wir schonmal die Erfahrung gemacht haben, dass ohne Vorbereitung und Kontrolle dieses Prozesses die Stimme kiekst (Oh nein, wie peinlich), oder der Ton vielleicht nicht hoch genug wird (Albtraum der schlimmsten Sorte).

Stresssituation: Jetzt erst recht keine Fehler machen!

So lange das Eingreifen in moderatem Umfang passiert, ist es nicht so tragisch. Problematisch wird es in zwei Szenarien: Erstens, wenn wir mal anders klingen wollen als sonst. Dann kommen wir aus unserem tief eingegrabenen Qualitätskontrollmuster nicht mehr raus und unsere Gewohnheiten übernehmen. Oder wenn wir in eine Stresssituation kommen. Dann verengen sich alle Räume im Körper: Der Bauch spannt an, der Kehlkopf wird eng, der Kiefer beißt zu, die Zunge schiebt sich nach hinten, und die Muskeln in Hals und Nacken rund um den Stimmapparat spannen sich und  verhindern Weite und Weiche im Rachen.

Stresssituationen gibt es in unserem Stimmalltag genug: Auf der Bühne, natürlich, aber auch schon wenn wir zuhause üben und wissen, dass uns (vielleicht) jemand zuhört. Im Gespräch mit Kunden, Kollegen, der Chefin. Mit Bekannten, vor denen wir gut dastehen wollen. Mit unseren Eltern. Im Streit, beim Herunterschlucken von Frust. Bei Präsentationen im Job.

 

Lass mich doch mal machen, sagt Deine Stimme. Darf sie aber nicht.

Da die Stimme aber mit ihren feinen und feinsten Muskeln und Nerven ungestört arbeiten muss, um dauerhaft durchzuhalten, wird sie jetzt, mit wenig Platz und zupackenden Schlundschnürern, etwas unentspannt. Klingt vielleicht ein bisschen dünn, oder gepresst. Die scheinbare Lösung des Problems: Etwas tun. Eingreifen. Kompensatorische Muskeln einsetzen, um künstlich den Rachen zu weiten, die Stimmbänder extra zu schließen, den Bauch für Atem“stütze“ benutzen. Das Ergebnis: Immer noch nicht befriedigend oder okay, aber dann nicht für lange. In Extremfällen kommt es zur Schwächung der Stimmbandmuskulatur, weil immer die umgebenden Muskeln übernehmen und daraus folgend zu einer ungenügenden Schließung der Stimmbänder, was wiederum schneller in Überlastung, sprich Heiserkeit und Ermüdung resultieren kann.

 

Ist die Fixierung auf den Klang gut für unser Singen?

Und all diese Kettenreaktionen kommen von einer einzigen Denkweise: Dass der Klang das Wichtigste ist. Hm. Ist das dann wirklich der ultimative Weg? Wenn ich dann gegen so viele Widerstände und widerstreitende Intentionen im Kopf und Körper singen muss?

Kann doch nicht sein!

Ist es natürlich nicht. Die Lösung ist einfach, und doch unglaublich schwer umzusetzen, weil es wieder mal eine Gewohnheit ist, die wir durch eine andere ersetzen müssen: Unsere Perspektive, unsere Wahrnehmung.

Kannst Du Deine Wahrnehmung ändern?

Statt uns auf das Ergebnis (den Ton, den Klang) zu fokussieren, können wir uns auf den Prozess (das Singen selbst, den Vorgang, die Entwicklung des Tones) konzentrieren.
Am einfachsten geht das, wenn wir unseren Körper als Anker benutzen. Wir blenden sehr viel Information unserer Sinne aus – Gott sei Dank.

Wenn wir aber davon ausgehen, dass der Fokus auf das Ergebnis ungünstig für eine entspannte Stimme ist, können wir bewusst den Suchscheinwerfer unserer Aufmerksamkeit verschieben: Auf die sensorische und/oder kinästhetische Wahrnehmung.
Wir können beobachten, was sich in unserem Körper so tut, wenn wir einen Ton machen. Es ist völlig egal, wie der Ton klingt, ob er laut oder leise, hoch oder tief ist. Wichtig ist, dass Du Dich fragst:
Was bewegt sich, wenn Du singst? Welche Körperregionen sind besonders aktiv oder entspannt? Wo kannst Du die Vibration Deines Tons spüren? Was ist, wenn Du liegst/stehst/sitzt/Dich bewegst? Verändert sich etwas? Was genau? Versuche es zu beschreiben.

Visualisiere Dein Singen!

Und die Menschen, die mich kennen, wissen: „Besser“ oder „nicht so gut“ reicht nicht als Beschreibung… Je genauer die Bilder sind, die Du für Dein Singen oder Tönen findest, desto leichter findest Du den Zustand später wieder. Vergleiche ruhig mit Texturen, Farben, Materialien, Dichtezuständen, die eigentlich nichts mit Stimme oder Musik zu tun haben.

Vielleicht fühlt sich im Liegen mit entspanntem Bauch das Schlaflied wie weiche Wolken in Deiner Kehle an und Du findest das sehr angenehm – dann hast Du eine klare Zielvorstellung, wie sich das Singen im Stehen anfühlen sollte – nämlich genauso wolkig. Auch Verengung und Weitung kannst Du mit ein bisschen Übung deutlich wahrnehmen – und dann irgendwann gegensteuern, wenn Du Dich in einer Stresssituation beim Verspannen erwischst…

Singen kann wie Yoga sein

Diese Prozessorientierung ist so ähnlich wie bei der Yogapraxis: Ich horche in meinen Körper, ich (er)spüre mich und arbeite an meinen persönlichen Grenzen und Bedürfnissen. Man gewöhnt sich ziemlich schnell daran, im Yogastudio nicht ständig nach rechts und links zu schauen, um zu sehen, was die Nachbarn machen – und es gibt dort auch signifikanterweise keine Spiegel, wie zum Beispiel beim Ballett.
Die äußere Form ist beim Yoga nicht das Wichtigste, denn sie wird oft erst nach Jahren der intensiven Praxis erreicht – und oft gar nicht. Die meisten Menschen praktizieren aber Yoga, um ihr Körpergefühl zu verbessern und mehr Balance und Achtsamkeit in ihr Leben zu bringen. Und das klappt gut, auch ohne dass die Positionen perfekt aussehen.

Warum singen wir denn eigentlich?!

Und die allermeisten Menschen singen auch nicht, um letzten Endes professionelle Musiker zu werden, sondern um ihre Lebensqualität zu verbessern. Um Gefühle ausleben zu können, um mit anderen Sängern in einem Chor im Zusammenklang Gemeinschaft zu erfahren, um sich auf eine andere Art und Weise wahrzunehmen und zu spüren. Du auch?

Singen ist UNSERE Zeit

Für diese Ziele ist es umso wichtiger, dafür zu sorgen, dass sich das Singen für uns vor allem angenehm anfühlt. Denn wir tun es schließlich nur für uns. Es ist UNSERE „Übezeit“ – die wir vielleicht umbenennen sollten in „Singzeit“.

Vielen Schüler*innen fällt es schwer, das Singen nicht als eine weitere Pflicht im Alltag wahrzunehmen, und wenn man sie erledigt hat, kann man sich belohnen  – mit Netflix, Schokolade oder Shopping.

Sobald wir prozessorientiert denken und den Vorgang des Singens selbst als eine Belohnung, als Genuss und Vergnügen wahrnehmen, dann erst machen wir wirklich Fortschritte.
Weil wir nicht mehr an unseren Schwächen „arbeiten“ –  denn das allein kann eine Hemmschwelle sein, überhaupt anzufangen. Sondern weil wir uns die Erlaubnis geben, trotz aller Unerfahrenheit und schlechter Gewohnheiten unsere Fähigkeiten zu genießen und ausgiebig zu benutzen.

Das allein bringt uns so viel Wissen über unser Instrument, den Körper und die Vorgänge beim Singen, dass es leichter wird, alte Gewohnheiten durch neue zu ersetzen –  es macht halt einfach Spaß! Und mit ein wenig Übung des „nur Spürens, nicht Machens und Denkens“, kommen wir auch leichter in den berühmten „Flow“ – ein Zustand, in dem wir urteilsfrei SEIN können und Zeit und Resultat keine Bedeutung mehr haben. Wir gehen dann ganz in unserer Tätigkeit auf – etwas, das uns maximal entspannt und zufrieden macht.

Genieße Deine Stimme!

Ihr wisst wahrscheinlich, was jetzt zu tun ist: Computer zu und genussvoll losträllern! Und zwar ganz selbstsüchtig so, wie DU es am angenehmsten, schönsten, leichtesten findest. Vielleicht was Weihnachtliches? 😉

 

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