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Aufbauen oder runtermachen – wozu benutzen wir eigentlich unsere Stimme?!

 In Allgemein, Business, Innere Haltung, Kommunikation, Rhetorik, Richtig Reden
Gezielte Rhetorik und aus dem gleichen Grund Stimmtraining sind als Manipulationswerkzeug verschrieen. Und das stimmt: Mit dem gezielten Einsatz unserer Stimme können wir die Meinungen und Standpunkte von anderen verändern und beeinflussen. „Stimme ist Macht“, heißt es schließlich schon so lange. Wenn wir von „Manipulation“ und „Beeinflussung“ sprechen, ist das fast immer negativ belegt. Aber (und es ist ein großes Aber!) liegt es doch in der Verantwortung des Einzelnen zu entscheiden: Wofür möchte ich meine Stimme benutzen? Zum Überreden oder zum Überzeugen? Dazu, andere zu stärken und aufzubauen oder sie herunterzuputzen und über sie zu lästern? 
Und wie immer fragen wir uns auch: Was macht das mit uns? Was haben wir davon, andere schlecht zu machen? Ihnen etwas zu verkaufen, was sie eigentlich nicht wollen? Und welche Vorteile haben wir davon, unsere Stimme für andere einzusetzen statt gegen sie?
Stimme ist Macht. Und oft geht es den Menschen genau darum: Wo stehe ich in der Hierarchie? Wer gehorcht mir? Wem muss ich gehorchen? Über wen kann ich Macht ausüben, zu meinem eigenen Vorteil? Und wie?
Vor allem in Gemeinschaften oder Unternehmen mit steilen hierarchischen Strukturen ist das oft ein Kampf ums Überleben, und sehr real für die Beteiligten. Ein Mechanismus, ein System, dem man sich nicht entziehen kann, außer durch kompletten Ausstieg. 
Da das aber für nur wenige überhaupt in Frage kommt, versuchen wir erstmal zu überleben, indem wir unseren Status sichern und vor allem versuchen, nicht abzusteigen auf der Hierarchieleiter. 
Vor allem in Unternehmen und Gemeinschaften mit steiler Hierarchie wird Dominanz immer noch gern mit Stärke und hartes Durchgreifen und Arroganz mit Autorität verwechselt. Diese Kultur wird in unserer Kommunikation etabliert: Was sagen wir? Zu wem? Über wen? Und vor allem: wie?!
Schon im Elternhaus, allerspätestens in der Schule wird klar, wie das geht: Wir werden auf Fehler und Schwächen hingewiesen, bekommen Standpauken gehalten und werden gelobt. Das alles macht deutlich, wer mehr Macht, wer höheren Status hat, wer bestimmen darf.
Und es ist, wie in jedem System, der Weg des geringsten Widerstandes, mitzuspielen. Auch, damit wir nicht als Außenseiter auffallen und womöglich noch weiter absteigen auf der Hierarchieleiter.
Und schon haben wir uns dran gewöhnt, dass wir das „halt so machen“. Stellen wir selbst dieses System oft genug in Frage? Denn auch wenn es für diejenigen, die in diesem Spiel gewinnen, von Vorteil erscheint: Welchen Effekt hat es auf unseren Blick auf uns selbst und auf die Gesellschaft?

„Wie Du über andere denkst, denkst Du auch über Dich selbst.“ 

Meiner Meinung nach liegt hier der Hase im Pfeffer. Die Betonung unserer Fehler und Schwächen im Kindesalter bewirkt, dass wir sie erstens noch viel stärker in uns selbst wahrnehmen und dass wir uns zweitens auch bei anderen auf die negativen Eigenschaften und Verhaltensweisen konzentrieren. Wir vergleichen uns fortwährend, basierend auf der Frage: Wer macht weniger Fehler? Wer zeigt weniger Schwäche?
Um unseren Status in der Gruppe zu sichern, weisen wir auch die anderen darauf hin, welche Schwächen sie (oder noch schlimmer: gerade nicht anwesende Personen) haben. Damit heben wir uns kurzfristig über sie.
In diesem Konzept ergeben sich aber zwei Probleme: Das erste ist der Stress, der für uns im andauernden Vergleichen entsteht. Immer wieder müssen wir unsere eigene Unperfektheit kaschieren und verlernen so auf Dauer, Fehler einzugestehen und auch mal freimütig zu scheitern.
Das resultiert in Unsicherheit, mangelndem Selbstbewusstsein und eventuell tiefgreifenden Komplexen. Ausgleich: Ein bisschen schauen, wo die anderen Fehler und Schwächen haben. Und drüber reden. Na super.
Das zweite Problem ist das, was dieses oben/unten Statusdenken mit unserer Gesellschaft macht, vor allem, wenn es nicht mehr um das individuelle Wahrnehmen des eigenen Status geht, sondern „objektiv“ entschieden wird, wer beispielsweise mehr Gehalt oder die Projektleitung bekommt. Es wird vor allem in hohen gesellschaftlichen Positionen immer unmöglicher, Fehler zu machen oder an Projekten zu scheitern. Steht der- oder diejenige noch im Licht der Öffentlichkeit, können wir gut beobachten, wie sich (nicht nur) Boulevardpresse und soziale Medien wie die Geier auf die restlose (verbale) Zerstörung des Betroffenen stürzen.
Ich finde, jede*r von uns muss sich fragen: 
Wollen wir das eigentlich?! Wollen wir eine Gesellschaft, in der jeder Fehler, jedes Scheitern sofort an den sprichwörtlichen Pranger gestellt wird?
Was verhindern wir nämlich damit? 
Vor allem, dass Fehler schneller zugegeben und korrigiert werde, wir also lernen. Ohne Scheitern lernen wir nicht. Und wir sind irgendwie dabei, uns das völlig abzugewöhnen. Inkompetenz wird grundsätzlich bestraft. Auch wenn sie unausweichlich ist, weil wir zum Beispiel gerade erst anfangen, eine Fähigkeit zu erlernen. Ich finde das nicht so schlau, und kann aus meiner Erfahrung sagen: An diesem Punkt muss ich grundsätzlich viel mehr Zeit als meiner Meinung nach nötig aufwenden, wenn ich mit Menschen ihre Singstimme versuche wieder zu befreien.

Was könnten wir also tun, anstatt in diesem Spiel der Verlierer mitzuspielen? 

„BE KIND WITH YOUR VOICE“ ist das Motto des diesjährigen World Voice Day – und ich meine, es sollte nicht nur heißen, dass wir zu unserer Stimme nett sein sollen. Sondern eben auch mit unserer Stimme.
Wir könnten mal eine Runde darüber nachdenken, in was für einem Umfeld wir eigentlich leben möchten. Und uns dann fragen, ob wir nicht selbst in der Lage sind, unsere kleine Welt ein bisschen besser zu machen, indem wir bewusst entscheiden: Ich benutze ab jetzt die Macht meiner Stimme, um meiner Kollegin zu sagen, wie schön heute ihre Augen strahlen, statt ihre zerknitterte Bluse zu bemängeln. Um mich beim Praktikanten für seine gute Arbeit zu bedanken. Um meinen Lieben zu sagen, wie schön es ist, dass ich sie habe. Um mir mit meiner Familie am Abendbrottisch zu erzählen, was heute alles schön war und wofür wir dankbar sein können. Und statt mich über die Entscheidungen in der Politik zu ärgern mache ich eben den Mund auf, wenn mich etwas stört. Und dann gründe ich eine Bürgerinitiative, um die Misstände in meinem Viertel anzupacken. Ich nutze meine Stimme, um für andere einzustehen, die sich nicht selbst wehren können. Statt hintenrum über meine doofe Chefin zu lästern, bitte ich um ein klärendes Gespräch zu einer Situation, die mich nervt. 
Ihr merkt schon: Nicht so viel jammern, meckern, motzen. Klar ansprechen, was einen stört, und mindestens genau so oft ansprechen, was gut läuft! Das bringt uns und alle anderen, die mit uns in Kontakt sind, in einen besseren Zustand. Übrigens auch in einen Zustand, in dem wir viel mehr Energie haben, Dinge anzupacken und zu verändern…
Also, wozu nutzt Du die Macht Deiner Stimme ab jetzt?

 

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